TV-Serie «Tip Toe»: eine düstere Warnung
- vor 8 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Die neue Miniserie des schwulen britischen Autors Russell T. Davies («Queer as Folk») ist ein deprimierender Kommentar zum politischen Backlash der letzten Jahre. Davies befürchtet, dass Wut und Gewalt zunehmen werden – und zeigt in «Tip Toe», wohin das führen könnte.
Text: Ralf Kaminski
Es gibt Länder, in denen bei Homosexualität die Todesstrafe droht. In Saudi Arabien und im Iran gab es in den letzten Jahren auch tatsächlich Hinrichtungen deswegen. Aus anderen Ländern – meist in Afrika oder im Nahen Osten – gibt es immer wieder Meldungen von Morden durch gewalttätige Banden oder Mobs.
In Europa sind derart barbarische Zustände eigentlich vorbei, aber auch hier nehmen Hate Crimes zu. «Immer mehr LGBTIQ-Personen stehen offen zu ihrer Identität – gleichzeitig sind sie häufiger als früher Gewalt, Belästigung und Mobbing ausgesetzt», schreibt die European Union Agency for Fundamental Rights. Eine neue Ipsos-Studie illustriert, dass die Akzeptanz für queere Menschen global generell abnimmt. Knapp 20'000 Menschen in 26 Ländern wurden befragt: 49 Prozent fanden, dass queere Menschen offen mit ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität umgehen sollen (6 Prozent weniger als 2021), 66 Prozent befürworten eine rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Paare (8 Prozent weniger als 2021).
Körperliche Angriffe und politische Instrumentalisierung
Derweil zeigen die Zahlen der Schweizer LGBTIQ-Helpline, dass Hate Crimes auch hierzulande zunehmen. Die Meldungen stiegen von 134 (2022) auf 309 (2024) und stagnierten 2025 leicht bei 281. Zwei Drittel der Vorfälle fanden im öffentlichen Raum statt – meist Beschimpfungen und Belästigungen mit Worten oder Gesten. Aber es gab auch 45 Meldungen zu körperlichen Angriffen. Und die Dunkelziffer dürfte hoch sein.
Amnesty International warnt zudem, dass Hass gegen queere Menschen weltweit gezielt als politisches Instrument missbraucht wird. Regierungen, Parteien und religiös-konservative Gruppen nutzen diese Diskriminierung, um von innenpolitischen Krisen abzulenken, Sündenböcke zu schaffen und konservative Machtstrukturen zu festigen. Besonders heftig sind die Angriffe auf queere Rechte in den USA – und die Saat geht auf: Nach jahrzehntelangem Anstieg der Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Beziehungen, stellen neuste Umfragen nun eine Stagnation fest. Hauptgrund dafür ist die zunehmende Ablehnung unter Anhänger*innen der republikanischen Partei, deren Politiker*innen sich in den letzten Jahren regelrecht auf queere Rechte eingeschossen haben.

Vor dem Hintergrund all dieser Entwicklungen also schrieb Russell T. Davies seine neue TV-Miniserie «Tip Toe» (deutsch: auf Zehenspitzen gehen) für Channel 4. Die erste Minute der ersten Folge setzt den Ton: Sie beginnt mit einem Schrei und einer Kamerafahrt über die Dächer eines Wohnquartiers, zeigt Leute, die entsetzt auf etwas starren, und endet mit der Grossaufnahme eines Mannes, der mit einer Schlinge um den Hals an einem Laternenpfahl hängt – tot, ja geradezu hingerichtet.
Danach setzt mit der Einblendung «10 Tage zuvor» die eigentliche Handlung ein, und wir lernen als Erstes den exekutierten Mann kennen: Leo (Alan Cumming) betreibt eine queere Bar an der legendären Canal Street in Manchester (wo sich auch die schwulen Hauptfiguren von «Queer as Folk» gerne rumgetrieben haben). Für seinen Tod verantwortlich ist sein Nachbar, der selbständige Elektriker Clive (David Morrissey) – verheiratet und mit zwei gutaussehende Söhnen, den Teenager George (Jackson Connor) und den Mittzwanziger Saul (Joseph Evans).
Von Unbehagen über Spannungen zu Gewalt
Schon bald erfahren wir: Saul verdient sich etwas Geld nebenbei mit erotischen Live-Sessions auf OnlyFans, George ist heimlich schwul und ihr Vater Clive hat nicht nur Eheprobleme, es läuft auch im Job gerade nicht so gut. Wohl deshalb fragt er seinen Nachbarn Leo, ob er nicht vielleicht seine Dienste gebrauchen könnte. Dieser heuert ihn für eine Reparatur in seiner Bar an; gemeinsam mit Saul macht Clive sich schon bald ans Werk.

Unweigerlich lernen sie dabei auch Leos Mitarbeitende kennen, ein bunter Mix aus jungen Queers. Und während Saul sich darauf ganz entspannt einlässt, betrachtet sein Vater das queere Treiben mit sichtlichem Unbehagen. Auch der Austausch zwischen Leo und Clive ist stets von Spannungen geprägt. Es braucht nur eine falsche Bemerkung und schon fühlen sich beide Seiten in all ihren Vorurteilen bestätigt. Die fünf Folgen illustrieren die allmähliche Eskalation zwischen ihnen – bis es in der letzten Episode zu jenem schwer erträglichen Akt von Mob-Gewalt kommt, dessen Ergebnis wir ganz zu Beginn sehen.
«Keineswegs abwegig»
Wie realistisch ist es, dass sowas in Westeuropa tatsächlich passieren könnte? Der Autor und seine beiden Hauptdarsteller haben dazu eine klare Meinung: «Das könnte durchaus passieren», sagt Alan Cumming gegenüber der «Radio Times», «ich halte das keineswegs für abwegig.» Co-Star David Morrissey weist im gleichen Interview darauf hin, dass Massengewalt schon heute immer wieder stattfinde.
Russell T. Davies derweil sagte dem britischen «Guardian», er habe noch nie etwas so wütend geschrieben wie diese Serie. «Wir erleben gerade einen Rückschritt zu einer Situation, die schlimmer ist als je zuvor, denn jetzt wissen die Leute genau, was sie tun. Wenn einem früher jemand ins Gesicht schlug oder einen ausgrenzte, konnte man noch die Ausrede gelten lassen, dass er es halt nicht besser wusste. Das ist heute nicht mehr so. Jetzt haben sie uns gesehen, und sie mögen nicht, was sie da sehen. Ich glaube, dass Wut und Gewalt zunehmen werden.» Dabei handle es sich nicht um ein exklusiv queeres Problem. «Aber wir sind ein leichtes Ziel.»
Dabei war es Davies wichtig, auch die Motive der anderen Seite zu zeigen. «Wir gehen sehr, sehr fair mit Clive um. Er ist nicht einfach nur das Monster von nebenan. Auch wenn man nicht unbedingt Mitgefühl für ihn empfindet, kann man die Umstände nachvollziehen, die ihn zu diesen Ansichten geführt haben.»
Die Hoffnung von 1999 ist verflogen
Der Kontrast zu «Queer as Folk», Davies’ 27 Jahre altem ikonischen Klassiker, könnte kaum schärfer sein. Obwohl die Rechtslage für queere Menschen 1999 in weiten Teilen der westlichen Welt erheblich zu wünschen übrigliess, stand die Serie für ein Klima der Toleranz, für Aufbruch, für die Hoffnung auf eine bessere, freiere Zukunft. Und die Fortschritte seither waren tatsächlich enorm. Aber der seit ein paar Jahren laufende Backlash ist nicht zu übersehen. Und egal, ob man die Situation ebenso kritisch einschätzt wie Davies: «Tip Toe» ist ein packendes Drama, das einen so schnell nicht wieder loslässt.
«Tip Toe» kann auf Channel 4 gestreamt werden:






Kommentare