«Es braucht eine gewisse Menschenliebe»
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Jakob Keel gehört zu den Urgesteinen von Focus Refugees, dem Mentoring-Programm von Queeramnesty, das queere Geflüchtete auf persönlicher und rechtlicher Ebene unterstützt. Im Interview erzählt er, welche Herausforderungen diese Freiwilligenarbeit mit sich bringt und was ihn antreibt, auch nach so vielen Jahren weiterzumachen.
Text: Irene Müller
Jakob Keel, wie bist du dazu gekommen, dich für Queeramnesty zu engagieren?
Als ich 2012 von Queeramnesty und ihrer Arbeit mit geflüchteten Menschen erfuhr, war für mich sofort klar, dass ich mich da einbringen möchte. Ich habe lange im Ausland gelebt und bin viel gereist. Dabei ist mir bewusst geworden, wie viel Glück ich hatte, in den 1970er/80er-Jahren in Zürich aufzuwachsen – und das auch noch in einer sehr liberalen Familie. Meine Homosexualität war nie ein Problem. Als ich in die Welt hinaus gegangen bin, sah ich, dass das alles andere als selbstverständlich ist und wie furchtbar viele Menschen deswegen leiden müssen. Und das nicht nur in jenen Ländern, wo es noch die Todesstrafe gibt. Deshalb hat es damals sofort «klick» gemacht.
Seither bist du aktiver Mentor bei der Untergruppe Focus Refugees und hast schon zig Menschen im Asylprozess begleitet. Was bewirkst du dabei konkret?
Wenn ich mit den Leuten über die Anfänge ihres Mentorings spreche, sagen sie oft: Das schönste war, dass mal jemand zugehört hat, ganz ohne Misstrauen und Feindseligkeit. Diese menschliche, mentale und emotionale Unterstützung ist sehr wertvoll. Auf praktischer Ebene vermittle ich zwischen ihnen und Jurist*innen, Sozialarbeiter*innen und so weiter – gerade, wenn es Kommunikationsbarrieren gibt. Das Problem ist nicht immer die Sprache. Es gibt auch Leute, die Mühe haben, sich klar auszudrücken oder sehr scheu sind. Ganz besonders wertvoll ist, wenn ich jemanden bei der Vorbereitung auf die Anhörung beim Staatssekretariat für Migration (SEM) helfen kann – der allerwichtigste Tag eines Asylprozesses. Denn auch wenn die Menschen dringliche Fluchtgründe hatten, wissen viele nicht, wie man diese plausibel und verständlich rüberbringt.

Was waren die schönsten Erfolgserlebnisse, bei denen du dachtest: Jetzt konnte ich wirklich einen Unterschied machen?
Wenn jemand Asyl bekommt und dies auch durch meine Unterstützung möglich wurde, erfüllt mich das mit Zufriedenheit. Wenn es nicht so gut herauskommt, die Person aber trotzdem dankbar ist, sind das ebenfalls ermutigende Momente.
Was sind schwierige Momente?
Das Asylverfahren ist ein unglaublich komplexes System, dessen Auswirkungen auf die Asylsuchenden viel brutaler sind, als sich die meisten vorstellen können. Wenn Situationen entstehen, die wirklich ungerecht sind, und man das einem vulnerablen Menschen erklären muss, und das Elend im Gesicht sieht, ist das sehr frustrierend. Schlimm ist auch, wie viele Leute ich begleitet habe, die gesund hierherkamen und durch das System krank wurden. Sie hatten zwar schlimme Dinge erlebt, konnten dieses Trauma jedoch verarbeiten und kamen hoffnungsvoll an. Aber das in vielen Fällen jahrelange Warten ohne arbeiten zu dürfen, das sich eingepfercht Fühlen mit völlig fremden Menschen, die nur die Hoffnung auf Asyl verbindet, die ununterbrochene Angst, es nicht zu bekommen und deportiert zu werden – all dies führt leider viel zu oft zu psychischen Krankheiten. Ich musste im Lauf der Zeit viele Leute in psychiatrischen Kliniken besuchen, die mental gesund in der Schweiz angekommen waren.
«Wenn eine Person jedoch gesund hier ankommt und durch unser System mental so krank wird, dass sie keinen Sinn mehr im Leben sieht, dann wird das verharmlost oder sogar negiert.»
Was macht das mit dir?
Es frustriert mich und macht mich wütend. Wir leben in einer Gesellschaft, in der man immer wieder darauf hinweist, dass die mentale Gesundheit genauso wertvoll ist wie die physische. Wer sagt, ich kann nicht mehr und verzweifle an meiner Arbeit oder am Familienleben, wird nicht mehr ausgelacht. Denn es wird anerkannt, dass es beispielsweise ein Burnout als Krankheitsbild gibt. Wenn eine Person jedoch gesund hier ankommt und durch unser System mental so krank wird, dass sie keinen Sinn mehr im Leben sieht, dann wird das verharmlost oder sogar negiert. Öfter als ich mich erinnern möchte, habe ich Nachrichten erhalte wie: «Danke für alles, was du für mich gemacht hast, aber ich will nicht mehr leben, ich kann das nicht mehr ertragen.» Diese Menschen landen dann aufgrund ihres Suizidversuchs in der Psychiatrie. Das ist für mich das Schlimmste.
Wo liegen die Chancen von Queeramnesty, hier künftig etwas zu verändern?
Aufgrund des komplexen Asylverfahrens ist es oft sehr schwierig, die Abläufe zu beeinflussen. Aber wir sind dran und haben im Lauf der Jahre auch schon sehr grosse Fortschritte gemacht. Dass sich mehr als 70 Leute freiwillig engagieren und dabei fantastische Arbeit leisten, ohne einen Franken zu verdienen, ist bereits gigantisch. Allerdings überfordert uns als Organisation das schnelle Wachstum von Focus Refugees auch ein wenig. Eine Herausforderung wird nun, wie wir unser Angebot definieren, damit es den grösstmöglichen Nutzen hat für alle, die bei uns Hilfe suchen. Auch wenn wir im Endeffekt nicht alle ganz genau gleich unterstützen können, müssen wir ein gerechtes Angebot ermöglichen, das niemanden durch unterschiedliche Behandlung diskriminiert.
Wird der Job als Mentor auch mal zu viel?
Ja, das kann passieren. Es gibt extreme Beispiele von Geflüchteten, die übergriffig werden. Oft sind sie sich dessen gar nicht bewusst. Aber sie befinden sich in einer solch elenden Situation, dass sie anfangen, einen Tag und Nacht anzuschreiben. In solchen Fällen muss man sich abgrenzen und beispielsweise so etwas wie Bürostunden einführen.
«Je mehr Menschenkenntnis man hat durch die eigene Lebens- oder Berufserfahrung, desto hilfreicher ist das.»
Wie viele zeitliche und emotionale Ressourcen nimmt die Freiwilligenarbeit als Mentor in Anspruch?
Ich finde das schwierig zu beziffern. Man muss sich fragen: Will und kann ich ein ehrenamtliches Engagement für extrem vulnerable Menschen leisten? Wer das in Ruhe durchdenkt, merkt schnell, dass man das weder in einer genauen Stundenzahl pro Woche noch in einer Art ‹Masseinheit› an Emotionen messen kann. Man muss bereit sein, sich auf etwas einzulassen, das in einer Woche vielleicht je nach Dringlichkeit einer Situation zehn Stunden zu tun gibt. Die nächsten drei Monate kann dafür dann eine WhatsApp-Nachricht zwischendurch reichen, um mal nachzufragen, ob alles in Ordnung ist. Diese Art der Freiwilligenarbeit ist nicht so vorausseh- und berechenbar, wie wenn man sich zum Beispiel jeden Samstagmorgen von 10 bis 12 Uhr trifft, um den Wald aufzuräumen. Und wenn einem diese Unberechenbarkeit nicht liegt, ist es vermutlich per se nicht das richtige.
Was sollte man sonst noch mitbringen für ein solches Mentoring?
Es braucht eine gewisse Menschenliebe. Denn es können auch viele Dinge geschehen, die unangenehm sind. Es kann sein, dass jemand negativ reagiert auf etwas, was gut gemeint war. Das muss man ertragen können. Grundsätzlich würde ich sagen: Je mehr Menschenkenntnis man hat durch die eigene Lebens- oder Berufserfahrung, desto hilfreicher ist das. Denn ein solches Mentoring kann auf rein menschlicher und emotionaler Ebene auch viel Unvorhersehbares beinhalten.
Hattest du schon Momente, in denen du an deine Grenzen kamst?
Es kommt schon vor, dass ich mich auch mal zusammenreissen muss, um weiterzumachen. Wie bei allem geht die Motivation manchmal rauf und manchmal runter. Aber generell mache ich diese Arbeit nach wie vor sehr passioniert, denn ich sehe, was ich damit bewirken kann. Und das beflügelt mich immer wieder von neuem.






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