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Mr. Gay Europe will queeren Kindern und Jugendlichen helfen

  • vor 21 Stunden
  • 6 Min. Lesezeit

Im Sommer 2025 wurde der Schweizer Michael Esteves Pereira in Amsterdam zum Mr. Gay Europe gewählt – auch wegen seines Projekts «Save to Grow». Damit will der angehende Kinderarzt das Gesundheitswesen besser für die Bedürfnisse junger Queers sensibilisieren. Inzwischen kann er auch einen ersten Erfolg feiern.


Text: Ralf Kaminski


Michael Esteves Pereira ist ein vielbeschäftigter Mann: Er arbeitet als Assistenzarzt im Kinderspital Zürich und in einer Privatpraxis, bereitet sich gerade auf seine Facharztprüfungen vor, ist als Mr. Gay Europe immer wieder an queeren Anlässen in Europa unterwegs und treibt in seiner Freizeit sein eigenes Projekt «Save to Grow» voran. Daneben hat der 31-Jährige auch noch eine langjährige Beziehung, der er ebenfalls etwas Zeit widmen will. «Es ist tatsächlich gerade ziemlich viel – und auch nicht immer leicht, allem gleich gerecht zu werden», räumt Michael ein. Dennoch sagt er ohne Zögern zu, als Queeramnesty wegen eines Gesprächs anfragt.

 

Diskriminierungen aus Unwissenheit

Er nimmt sich die Zeit auch deshalb, weil er sein Herzensprojekt «Safe to Grow» bekannter machen möchte. Dessen Ziele: das Gesundheitswesen für queere Kids zu einem besseren Ort machen – etwa mit Workshops für Fachpersonen, Aufklärungsaktionen oder wissenschaftliche Begleitungen von Projekten. «Es gibt viel Unwissenheit im Gesundheitswesen, weshalb es immer wieder unbeabsichtigt zu Diskriminierung kommt», erklärt Michael. «Die Situation queerer Kinder und Jugendlicher wird in der Ausbildung aktuell höchstens am Rande oder gar nicht thematisiert. Ich habe sechs Jahre Medizin studiert, und wir haben in dieser ganzen Zeit genau zehn Minuten über Gendermedizin gesprochen. Deshalb braucht es Weiterbildungen.»


«Ich habe sechs Jahre Medizin studiert, und wir haben in dieser ganzen Zeit genau zehn Minuten über Gendermedizin gesprochen», sagt Michael Esteves Pereira. (Bild: zVg)
«Ich habe sechs Jahre Medizin studiert, und wir haben in dieser ganzen Zeit genau zehn Minuten über Gendermedizin gesprochen», sagt Michael Esteves Pereira. (Bild: zVg)

Doch solche Strukturen aufzubauen, braucht Zeit. «Es ist eher ein Marathon als ein Sprint, und es gibt viele Faktoren, die man kaum beeinflussen kann.» Inzwischen aber können Michael und sein Team von Freiwilligen einen ersten Erfolg feiern: Im November führt die Zürcher Fachhochschule ZHAW ein neues Modul für Pflegekräfte ein, das auch prüfungsrelevant ist. Ziel wäre, dass dies später für alle Studierenden obligatorisch wird. Auch in der Stadt Basel gibt es derzeit vielversprechende Gespräche mit der Fachstelle Gleichstellung.


Theorie und Rollenspiele an der ZHAW

«Aktuell entwickeln wir das Modul inhaltlich und haben dafür seitens der ZHAW viele Freiheiten. Geplant sind 2 mal 45 Minuten. Im ersten Teil Theorie mit Fach-, Methoden- und Sozialkompetenz zu den Themen sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität und der Rolle der Gesellschaft. Im zweiten Teil Fallbeispiele mit interaktiven Rollenspielen. Darin schildern wir Situationen, in denen die Studierenden lernen können, richtig zu reagieren.» Zuvor hatte es mit einer anderen Institution schon ähnliche Pläne gegeben, die kurz vor Schluss jedoch scheiterten. «Das war ziemlich frustrierend, nachdem wir so viel Zeit investiert hatten. Zum Glück meldete sich kurz darauf die ZHAW. Wenn wir dort zeigen können, wie wir arbeiten und was dies bewirkt, wird dies hoffentlich weitere Interessenten anziehen.»

 

Der angehende Kinderarzt sieht vor allem strukturelle Hürden, bei denen es Verbesserungen braucht: «So ist zum Beispiel in einem grossen Spital alles nach Mann/Frau, männlich/weiblich, Vater/Mutter geregelt. Versucht man, daran etwas zu ändern, stösst man oft auf Widerstände, weil zum Beispiel die IT darauf nicht ausgerichtet ist.» So sei nur schon das Anmeldeformular frustrierend für queere Personen oder eine Regenbogenfamilie. 


Michael Esteves Pereira arbeitet als Assistenzarzt im Kinderspital Zürich und in einer Privatpraxis. (Bild: Dominic Barker)
Michael Esteves Pereira arbeitet als Assistenzarzt im Kinderspital Zürich und in einer Privatpraxis. (Bild: Dominic Barker)

«Und die Fachkräfte sind aus Unwissen schnell mal überfordert. Wenn etwa ein Kind im System als weiblich angemeldet wird, aber mit der Anmerkung will als Tim bezeichnet werden, löst das sofort Verunsicherung aus: Wie soll das Kind angesprochen werden? Muss es stationär aufgenommen werden, würde dies wohl bei den Mädchen geschehen, aber was, wenn Tim das nicht will? Was bedeutet es rechtlich? Am Ende sind alle unzufrieden, Patient*innen und Ärzt*innen. Das wollen wir ändern. Umso mehr als medizinische Fachkräfte eben auch Einfluss auf Familien haben.» Zwar hänge beim Wohlergehen queerer Kinder vieles von ihrem direkten Umfeld ab, den Eltern, den Freund*innen. «Aber wenn wir aus unserer Perspektive versuchen, auf die Familie einzuwirken und sie zumindest gut und kompetent beraten, kann sich das zusätzlich positiv auswirken», ist Michael überzeugt.

 

Suche nach mehr Unterstützung und Spenden

Ziel wäre, «Save to Grow» so zu etablieren, dass sich das Projekt auch selbst finanziert. «Davon sind wir noch weit entfernt», sagt Michael. «Wir haben letztes Jahr einen grossen Spendenaufruf gestartet und über 250 Fachstellen und Personen angeschrieben. Das Feedback war positiv, alle fanden es eine gute Idee – konkrete Unterstützung bekamen wir aber nur von vielleicht 10 Prozent.» Er vermutet, dass dies auch mit dem aktuellen politischen Backlash zu tun hat, der stark von den USA ausgehe. «An der Politik ist letztlich auch unser erster Anlauf mit dieser anderen Institution gescheitert.» Jedenfalls kann man bei «Save to Grow» Mitglied, Sympathisantin und Partner werden oder einfach spenden. «Und wir hätten gerne von allem noch etwas mehr.»



Michael Esteves Pereira hat portugiesische Wurzeln und ist in Zermatt aufgewachsen, mit einem sechs Jahre jüngeren Bruder, der ebenfalls schwul ist. «Und diese sechs Jahre machten einen erstaunlich grossen Unterschied. Bei mir war Mobbing omnipräsent. Zermatt hatte viele ausländische Einwohner*innen, Religion war wichtig, und wer aus der Reihe tanzte, hatte es schwer.» Er habe sich lange nicht geoutet, weil er den Mobbern nicht habe recht geben wollen. «Stattdessen habe ich versucht, der grösste Gigolo bei den Frauen zu sein, aber irgendwann ging das nicht mehr. Als ich dann in der Kantonsschule endlich zu mir stand und selbstbewusst auftrat, änderte sich alles.» Zwar habe es auch sein Bruder nicht immer leicht gehabt, aber es sei viel weniger schwierig gewesen. «Er lebt immer noch in Zermatt. Und wenn ich heute dort die Familie besuche, getrauen sich die früheren Mobber nicht, mir in die Augen zu sehen.»

 

Die Eltern: einst überfordert, heute stolz

In seiner Jugend jedoch kannte er keinen anderen in Zermatt, der schwul war. Es gab keine Anlaufstelle, und alle fühlten sich überfordert – auch seine Eltern. «Heute haben wir ein sehr enges Verhältnis, das war aber nicht immer so. Ich dachte lange, meine Eltern akzeptieren mich nicht. Aber als wir uns dann endlich aussprachen, erfuhr ich, dass sie gar keine grundsätzlichen Vorbehalte hatten, jedoch grosse Angst, dass mir dies das Leben schwerer macht, als es sein müsste. Und auch sie hatten halt niemanden, mit dem sie darüber hätten sprechen können.»


Nach dem Sieg als Mr. Gay Europe in Amsterdam. (Bild: Amsterdam Pride/MGE)
Nach dem Sieg als Mr. Gay Europe in Amsterdam. (Bild: Amsterdam Pride/MGE)

Heute jedoch sind sie sehr stolz auf ihn, gerade auch auf seinen Sieg als Mr. Gay Europe in Amsterdam letzten August. «Danach war ich relativ viel in den Medien, auch in Portugal. Auf Social Media gab es entsprechend viele Kommentare, positive und negative. Und ich sorgte mich, wie meine Eltern das aufnehmen. Derweil sie sich sorgten, wie ich das aufnehme», erzählt Michael lachend. «Jedenfalls stellte sich dann raus, dass beide Seiten das eigentlich recht locker nehmen.»

 

Mr. Gay Europe brachte viel Aufmerksamkeit

Gelohnt hat sich sein Sieg in Amsterdam auch für «Save to Grow», weil er durch die mediale Aufmerksamkeit die Chance bekam, sein Projekt einem breiteren Publikum zu präsentieren. «Es war ein regelrechter Game Changer für uns.» Gleichzeitig ist er als Mr. Gay Europe offiziell «ein Botschafter für mehr Sichtbarkeit, Aufklärung und Inklusion» und tritt deshalb immer wieder an queeren Veranstaltungen in ganz Europa auf. «Anders als in der Schweiz gibt es in einigen Ländern Vorwahlen zum Mr. Gay, ich sitze zum Beispiel in den Jurys von Belgien, Spanien und Grossbritannien.» Er betont auch, dass es bei der Wahl um weit mehr geht als gutes Aussehen: «Alle Teilnehmer müssen ein Projekt vorstellen, für das sie sich einsetzen.»

 

In seiner Rolle bekommt Michael nun natürlich einiges mit über die Situation queerer Menschen in Europa. «Es gibt in jedem europäischen Land etwas, das noch fehlt hinsichtlich queerer Rechte – die einen haben dies, die anderen das, und in einigen gibt es noch deutlich grössere Einschränkungen als in der Schweiz.» In Ungarn, einem besonders schwierigen Fall, war er bisher nicht. «Mit der nötigen Rückendeckung könnte ich mir auch dort einen Auftritt vorstellen. Aber sich in einem solchen Land zu exponieren, ist schon ein wenig beängstigend. Diesbezüglich könnte Mr. Gay Europe als Organisation durchaus noch mehr tun, sie bewegt sich eher in Ländern, wo es safe ist.»

 

Die bisherigen Sieger des Wettbewerbs waren jeweils ein Jahr im Amt, doch Michaels Nachfolger wird erst im Sommer 2027 bestimmt, er behält den Titel und die damit einhergehenden Verpflichtungen also noch einige Zeit. «Das freut mich sehr. Und im Idealfall entsteht daraus mit Save to Grow etwas für die Community, das bleibt.»

 

«Anders als die Älteren wissen viele von uns gar nicht recht, was es heisst, für seine Rechte kämpfen zu müssen, wir müssen das erst wieder lernen. Und die grosse Frage lautet: Sind wir bereit, wieder so zu kämpfen wie die älteren Generationen das damals taten?»

 

Wenn alles gut geht, hat er ausserdem im Herbst offiziell den Facharzttitel als Kinder- und Jugendmediziner in der Tasche. Sein Partner Dominic und er wollen eigentlich auch Kinder. «Aber aktuell ist einfach zuviel los. Wir wissen immerhin schon, wie wir es angehen würden – für schwule Paare ist das ja in der Schweiz immer noch schwieriger als für lesbische Paare, die Zugriff auf Samenbanken haben. Aber Dominic ist halb Kolumbianer, und dort ist die Leihmutterschaft erlaubt. Das würden wir dann wohl nutzen.»

 

Doch bis es soweit ist, hat er noch Zeit, sich für die Community zu engagieren, was er angesichts des aktuellen Backlashs umso wichtiger findet, gerade auch für jüngere Queers wie ihn. «Ich gehöre zu einer Generation, die schon nicht mehr primär an die Pride ging, um zu demonstrieren, uns ging es eher um die Party. Anders als die Älteren wissen viele von uns gar nicht recht, was es heisst, für seine Rechte kämpfen zu müssen, wir müssen das erst wieder lernen. Und die grosse Frage lautet: Sind wir bereit, wieder so zu kämpfen wie die älteren Generationen das damals taten?» Michael Esteves Pereira hofft es sehr – und geht mit gutem Beispiel voran.


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