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Neues Zuhause für Nemos Dress

  • vor 22 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Nachdem Queeramnesty Ende letzten Jahres höchst unerwartet in den Besitz des Kostüms von Nemos Eurovision-Auftritt 2025 in Basel gekommen ist, hat sich nun eine ideale neue Heimat für das prächtige Stück gefunden: Das Schweizerische Nationalmuseum hat es in seine Sammlung aufgenommen. Wann es erstmals öffentlich zu sehen sein wird, ist allerdings noch unklar.


Text: Ralf Kaminski


«Für uns war es ein Glücksfall, dass Queeramnesty uns kontaktiert hat», sagt Joya Indermühle, die für Mode zuständige Kuratorin am Schweizerischen Nationalmuseum, zu dem neben dem Landesmuseum Zürich auch das Forum Schweizer Geschichte Schwyz sowie das Château de Prangins gehören. «Nemos Kostüm ist ein exemplarisches Objekt zu den Themen Mode und Zeitzeug*innen. Spannend ist für uns dabei insbesondere Nemo als Person und die gesellschaftliche Debatte, die rund um Nemos ESC-Sieg in Malmö 2024 entstanden ist. Das Kostüm ist ein Spiegel dieser Debatte.»


Ihr für Zeitzeug*innen zuständiger Kuratoren-Kollege Jose Cáceres ergänzt: «Nemo repräsentiert ein Stück Zeitgeschichte der Schweiz – durch den ESC-Erfolg trat eine Subkultur plötzlich ins Rampenlicht der nationalen Öffentlichkeit und sorgte für eine Auseinandersetzung über queere Identitätspolitik. So etwas ist für das Nationalmuseum natürlich hochinteressant.»


Joya Indermühle und Jose Cáceres sind Kurator*innen des Schweizerischen Nationalmuseums (Bilder: Schweizerischen Nationalmuseum)
Joya Indermühle und Jose Cáceres sind Kurator*innen des Schweizerischen Nationalmuseums (Bilder: Schweizerischen Nationalmuseum)

 

Aber wie genau kam ausgerechnet Queeramnesty zu Nemos ESC-Kostüm? Auch für uns völlig überraschend. Im November 2025 wurde Nemos Dress vom Basler Eurovision-Auftritt auf der Online-Plattform Ricardo für einen guten Zweck versteigert – und der Erlös von rund 3500 Franken ging auf Wunsch des non-binären Stars an Queeramnesty. Allerdings verzichtete der Ersteigerer am Ende auf das Outfit und überliess es uns zur freien Verfügung. So hing das prächtige Stück einige Wochen im Kleiderschrank unseres Co-Gruppenkoordinators Marc Schmid in Bern. «Hätte mir dies jemand letzten Sommer prophezeit, hätte ich es wohl für höchst unwahrscheinlich gehalten», erzählt er lachend. Und es stellte sich die Frage: Wie nun weiter damit?


Entscheidend war Nemo, nicht so sehr der Dress

Schon bald kam der Gedanke, dass sich angesichts von Nemos Prominenz ja vielleicht ein Museum dafür interessieren könnte – und bereits die erste Anfrage führte zum Erfolg. «Es gibt diverse Kriterien, weshalb Objekte für das Schweizerische Nationalmuseum interessant sein können», sagt Joya Indermühle, «historische Relevanz und kunsthandwerkliche Qualität gehören beispielsweise dazu, und auch dieses Kostüm ist modisch toll und handgefertigt. Aber es stammt von einem britischen Designer (Beau Tiger Ray) und hätte für sich allein nicht dem Sammlungskonzept entsprochen. Entscheidend war hier also klar Nemo als Person.»

 

Jose Cáceres betont die nationale Relevanz: «Zeitgeschichte ist nie abgeschlossen. Es gibt immer wieder Momente, die eine Debatte auslösen, die zu einem Wandel fühlen. Und unter diesem Aspekt passt Nemos Outfit wunderbar in unsere Sammlung. Als Kurator frage ich mich dann sofort, was ich neben diesem Objekt noch ausstellen kann, welche Geschichten und Botschaften ich damit vermitteln kann.»


Nemo im Kostüm vor dem Auftritt am ESC in Basel 2025 (Bild: Eurovision)
Nemo im Kostüm vor dem Auftritt am ESC in Basel 2025 (Bild: Eurovision)

Hinzu kommt, dass der Dress für das Schweizerische Nationalmuseum eine popkulturelle Premiere darstellt. Zwar gibt es schon andere Kleidungsstücke von prominenten Zeitzeug*innen, aber bisher hat sich die Institution dabei eher auf politische Figuren konzentriert. Immerhin waren in einer Ausstellung im Landesmuseum Zürich schon die Schuhe zu sehen, die Nemo beim ESC-Sieg in Malmö getragen hatte, diese waren jedoch eine Leihgabe des Schweizer Fernsehens SRF. «Ich fragte mich beim Angebot von Queeramnesty sofort, ob wir schon zuvor mit der queeren Gemeinschaft gearbeitet haben und was man da allenfalls noch mehr machen könnte», sagt Cáceres. «Und: Inwiefern ist queere Geschichte auch Schweizer Geschichte? Wie prägt die Bewegung das Selbstbild der Schweiz? Ich sehe hier einiges an Potenzial.»

 

Teil der Sammlung mit Hunderttausenden von Objekten

Mittlerweile haben Mitarbeitende des Nationalmuseums den Dress bei Marc Schmid in Bern abgeholt und in das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis gebracht. «Dort kommt er als Erstes in die Stickstoffkammer, um sicherzustellen, dass sich keine Schädlinge darin befinden», erklärt Indermühle. «Anschliessend wird er in der Datenbank erfasst, ausgemessen und fotografiert. Schliesslich wird er professionell eingelagert, liegend in einer ausgepolsterten Kostümschachtel.» Das Sammlungszentrum befindet sich auf dem Areal eines ehemaligen Zeughauses – es sind riesige Gebäude, in denen mehrere Hunderttausend Objekte lagern. «Ein Schatz», sagt Indermühle. Und mittendrin nun auch Nemos Dress, der dort darauf wartet, mal in einer Ausstellung gezeigt zu werden. Wann es soweit ist, ist noch offen.

 

Es befinden sich in der riesigen Sammlung auch schon andere Objekte, die für die queere Geschichte der Schweiz relevant sind. Darunter etwa AIDS-Quilts, alte Magazine, ein Transparent zum politischen Kampf um die Ehe für alle oder Gegenstände des Zürcher Aktivisten Röbi Rapp (1930-2018), dessen Lebensgeschichte gemeinsam mit der seines langjährigen Partners Ernst Ostertag im Film «Der Kreis» (2014) erzählt wurde.

 

Spuren queerer Lebensrealitäten

Eine rein queere Ausstellung gab es im Landesmuseum Zürich bisher zwar noch nie, aber queere Aspekte als Teil grösserer Ausstellungen schon mehrfach – und die nächste ist schon aufgegleist: Am 3. Juli wird eine Videoinstallation über Sexarbeit eröffnet, in die auch queere Erfahrungen eingeflossen sind. «Es finden sich also schon jetzt gewisse Spuren queerer Lebensrealitäten im Museum», sagt Cáceres, «aber wir würden das gerne noch erweitern. Weil es oft nicht so leicht ist, an entsprechende Objekte heranzukommen, möchten wir dabei stärker mit der Community zusammenarbeiten und künftig auch aktiv auf sie zugehen.»


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