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Rückblick 2025: Ein gutes Jahr trotz rauem Wind

  • vor 3 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Trotz schwieriger globaler Entwicklungen blickt Queeramnesty Schweiz recht zufrieden auf das vergangene Jahr zurück: Unsere finanzielle Lage hat sich stabilisiert, es haben sich viele Interessent*innen gemeldet, die aktiv bei uns mitarbeiten möchten, und mit einer Reorganisation von Focus Refugees und unserer neuen Website haben wir uns ein Stück weit neu aufgestellt.


Text: Philipp Abegg, Marc Schmid


«Backlash» ist für die queere Community wohl das prägende Schlagwort des Jahres 2025. Ein Jahr zuvor konnten wir uns in der Schweiz mit dem Sieg von Nemo am ESC noch Hoffnung auf eine fruchtbare Diskussion um das dritte Geschlecht machen. Dann kam in den USA der Wahlsieg von Donald Trump, und plötzlich strichen internationale Firmen reihenweise ihre Diversity-Programme. Nicht nur in den USA werden mühsam erkämpfte queere Rechte wieder in Frage gestellt, der Wind ist allgemein rauer geworden.


Gleichzeitig gab es aber auch erfreuliche Unterstützung für queere Anliegen, wohl teilweise nach dem Motto «jetzt erst recht». Wie weit der Backlash letztlich gehen wird, muss die Zukunft zeigen – es gibt auf jeden Fall auch erhebliche Gegenwehr. Klar ist: Ein Angriff auf die Rechte von LGBTQIA+ Menschen ist auch immer ein Angriff auf die Menschenrechte und betrifft letztlich den Kern jeder freien und offenen Gesellschaft.


Überschuss dank Sparmassnahmen und mehr Spenden

Auch für Queeramnesty war es ein bewegtes Jahr. Nach zwei Jahren mit Defiziten konnten wir 2025 dank Einsparungen und einer Zunahme der Spenden wieder mit einem Überschuss abschliessen. Trotz der Sparmassnahmen haben wir auch 2025 mit jeweils 40 bis 60 Mentees an den Prides von Zürich und Bern teilgenommen und das Berner Filmfestival Queersicht sowie das lila.queer Festival in Zürich mit kleineren Beiträgen unterstützt.


Sehr erfreulich ist, dass wir die Gruppenkoordination (GruKo) personell erweitern und so auf eine breitere Basis stellen konnten. Neu haben wir eine komfortable Besetzung bei der Gruppenkoordination, dem Website-Management und im Social-Media-Team.


Zusätzliche Einnahmen ergaben sich ausserdem durch die Solidaritäts-Bier-Aktion in verschiedenen Zürcher Bars: Während mehrerer Wochen wurde dort ein spezielles Bier angeboten, bei dem pro verkaufte Flasche 1 Franken an Queeramnesty ging.



Auch 2025 konnten wir unsere Arbeit wieder bei einigen Gruppen und Veranstaltungen vorstellen, etwa bei der GLP Bern oder beim queeren Verein Network. Co-Gruppenkoordinator Marc präsentierte bei der Gelegenheit auch gleich die Ergebnisse einer Studie zu queerfeindlicher Gewalt, die Queeramnesty 2024 mitorganisiert hatte.


Unser Magazin, das viermal im Jahr an rund 1000 Adressen verschickt wird, bleibt ein wichtiges Instrument, um Queeramnesty sichtbar zu machen und unsere Anliegen nach aussen zu tragen. 2025 konnte es ausserdem sein 10-Jahr-Jubiläum feiern.


Eine aufgefrischte, modernisierte Website

Eine der wichtigsten Neuerungen des vergangenen Jahrs ist ohne Zweifel unsere neue Website. Sie brachte nicht nur ein modernes und ansprechendes Design, sondern ermöglicht es uns auch, Inhalte deutlich einfacher aktuell zu halten. Mitglieder können Events, Kurse und Magazinartikel selbstständig erfassen und bearbeiten. Interessierte haben zudem die Möglichkeit, sich direkt über die Website für Kurse und Events anzumelden. Dies reduziert den aufwändigen Mail-Verkehr und vereinfacht die Organisation.


Darüber hinaus gibt es einen exklusiven Mitgliederbereich, wo sich wichtige Informationen schneller und übersichtlicher finden lassen. Damit verbunden ist ausserdem eine Mitglieder-App, die unsere interne Kommunikation und Arbeitsprozesse weiter vereinfachen und stärken wird. Die Website mit den neuen Funktionen war auch Thema der Retraite vom 14. Februar 2026.


Nemos überraschendes Geschenk

Ein besonderes Geschenk erhielten wir im vergangenen Herbst: Im Rahmen des «Secondhand Day» vom 8. November 2025 stellte Nemo das Outfit, welches das Ausnahmetalent am ESC-Finale 2025 in Basel getragen hatte, für eine Auktion auf Ricardo zur Verfügung. Der Erlös sollte nach Nemos Wunsch Queeramnesty zugute kommen. Der Secondhand Day ist eine Aktion, die auf den Wegwerf-Konsum hinweisen und die Wiederverwendung von Textilien und anderen Konsumgütern fördern soll. Er wird wesentlich von den Unternehmen Ricardo, Tutti und anibis.ch getragen, die zur Swiss Marketplace Group gehören.


Die ganze Aktion bedeutete für uns Neuland und war mit allerhand Aufwand und Aufregung verbunden. Am Ende lief sie etwas anders ab als erwartet, indem der Ersteigerer zwar einen namhaften Betrag spendete, aber das Nemo-Outfit nicht übernehmen mochte. Er überliess es uns zur freien Verfügung, weshalb wir für das tolle Kostüm eine gute, nicht kommerzielle Lösung gesucht und inzwischen auch gefunden haben, im Landesmuseum Zürich.


Bild: Eurovision


Die grosszügige Geste von Nemo und die Unterstützung durch Ricardo möchten wir an dieser Stelle noch einmal herzlich verdanken. Das Geschenk hat uns veranlasst, mit dem Erlös einen kleinen Fonds für Härtefälle und andere aussergewöhnliche Situationen zu äufnen. Vor allem in unserer Arbeit bei Focus Refugees sind wir immer wieder mit Situationen konfrontiert, die in kein Schema passen und für die daher kaum Mittel zur Verfügung stehen, obwohl humanitäre Hilfe notwendig wäre. In den letzten Jahren waren wir hier aufgrund der knappen Finanzen notgedrungen zurückhaltend.


Mit dem neuen Fonds über 5000 Franken möchten wir die Möglichkeit schaffen, schnell und unkompliziert Hilfe zu leisten. Angedacht ist, dass eine Person aus der Gruko-Leitung zusammen mit dem Finanzverantwortlichen Beträge bis 1000 Franken unkompliziert freigeben können.


Reorganisation für Focus Refugees

Unsere Untergruppe Focus Refugees, die queere Asylsuchende sozial begleitet, hat sich 2025 neu aufgestellt, wodurch die Arbeitslast des Koordinationsteams (Livia und Annett) stark abgenommen hat. Da die Gruppe in den letzten Jahren immer grösser und dadurch unübersichtlicher geworden ist, kam der Wunsch auf, dass die Zusammenarbeit wieder persönlicher werden sollte. Viele vermissten den Austausch untereinander. Zudem waren die Aufgaben für Livia und Annett zuviel geworden.


Ziel der Reorganisation war daher eine Entlastung der beiden sowie eine stärkere Selbstorganisation der neuen Lokalgruppen. Es folgte eine Phase der intensiven Vorbereitung, dann eine Kick-off Veranstaltung im August. Aktuell gibt es nun sechs Regionalgruppen, vier in Zürich und je eine in Basel und Bern. Eine weitere Gruppe in der Innerschweiz ist angedacht, hierzu werden noch Mentor*innen gesucht.



Im Jahr 2025 konnten wir 63 neue Begleitungen von Asylsuchenden in die Wege leiten. Total begleiten wir derzeit rund 200 Personen. Die Anfragen sind nach wie vor zahlreich, weshalb einige Asylsuchende lange warten müssen, bis passende Mentor*innen gefunden sind. Zum Glück haben sich auch 2025 wieder viele neue Mentor*innen gemeldet, die wir einarbeiten konnten. Wir teilen uns die Begleitungen nach wie vor mit dem Transgender Network Switzerland (TGNS), das die Betreuung der trans Geflüchteten übernimmt,


Auch 2025 fand die jährliche Austauschsitzung mit der Asylorganisation Zürich (AOZ) statt, und wir konnten die Herausforderungen darstellen, mit denen die queeren Asylsuchenden in Stadt und Kanton Zürich konfrontiert sind. Die AOZ lädt dazu jeweils verschieden queere Organisationen ein.falls sich solche an uns wenden.



Finanzen und Administration

Nach einem finanziellen Spitzenjahr 2022 waren die Spenden in den beiden Folgejahren eingebrochen. Da wir die Ausgaben nicht so schnell reduzieren konnten, resultieren 2023 und 2024 schmerzhafte Verluste, welche die finanzielle Basis der Gruppe empfindlich schmälerten. Bemühungen um ein Fundraising bei Vergabestiftungen und ähnlichen Institutionen erwiesen sich als schwierig. Glücklicherweise gab es letztes Jahr jedoch wieder einen deutlichen Anstieg der Spenden – die allermeisten aus dem Kreis der queeren Community. Da wir zudem die Kosten reduzierten, erzielten wir 2025 einen Überschuss, der die früheren Verluste teilweise ausgleichen konnte.


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