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«Der Mob kann mit uns tun, was er will, er muss keine Konsequenzen fürchten»

Uganda gehört zu den queerfeindlichsten Ländern der Welt. Fabian Frank Kagimu ist trans und Geschäftsführerin einer Organisation in Kampala, die trans Menschen unterstützt und sich für deren Rechte einsetzt – soweit das überhaupt möglich ist.

Text: Ralf Kaminski


Uganda hat seit 2023 eines der queerfeindlichsten Gesetze der Welt. Wie sieht die rechtliche Situation für trans Personen aus?

Das Gesetz schliesst auch uns mit ein. Nur dass sich eine trans Identität schwerer verbergen lässt als Homosexualität. Tatsächlich sind es bisher vor allem trans Menschen, die auf Basis dieses Gesetzes angeklagt wurden.


Wurde schon jemand zum Tode verurteilt?

Bisher nicht, aber es gab bereits einige lange Haftstrafen. Weil gerade Homosexualität schwer zu beweisen ist, ziehen sich die Gerichtsverfahren in die Länge – und in der Zwischenzeit sitzt man im Gefängnis, oft unter sehr schwierigen und unwürdigen Umständen. Während des Verfahrens wird man auch immer wieder gezwungen, sich vor anderen Menschen auszuziehen.


«Wir müssen uns verstecken und unsere wahre Identität verbergen. Trans und andere queere Menschen werden bedroht, erpresst, ausgebeutet, öffentlich ausgezogen, geschlagen, auch immer wieder getötet.»

Was bedeutet diese Kriminalisierung für den Alltag von trans Menschen in Uganda? Wir müssen uns verstecken und unsere wahre Identität verbergen. Trans und andere queere Menschen werden bedroht, erpresst, ausgebeutet, öffentlich ausgezogen, geschlagen, auch immer wieder getötet. Faktisch kann der Mob mit uns tun, was er will, er muss keine Konsequenzen fürchten. Also gehen die meisten nur spät nachts raus. Man kann schlicht kein normales Leben führen. Etwas leichter ist es, wenn man noch keine Geschlechtsangleichung vorgenommen hat. Denn wer das tut, bekommt keinen Job mehr und verliert oft auch seine Wohnung, denn Vermieter*innen riskieren Gefängnis, wenn sie an queere Menschen vermieten.

 

War es für queere Menschen in Uganda schon immer so hart oder gab es in der Vergangenheit auch bessere Zeiten?

Früher mussten wir uns weniger verstecken, und es gab Organisationen, die sich öffentlich für uns engagierten und zu helfen versuchten. Seit das Gesetz in Kraft getreten ist, leben wir alle in einem Ausnahmezustand.


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PEDI: Unterstützung für trans Personen in Uganda

Die heute 25-jährige Psychologin Fabian Frank Kagimu hat die Prism Empowerment & Development Initiative Ltd. (PEDI) 2020 mitgegründet. Die NGO unter der Leitung von trans Frauen bietet kostenlose professionelle psychologische Betreuung, betreibt eine Notunterkunft, hilft bei medizinischen Problemen und bemüht sich um die sozioökonomische Stärkung sowie die Förderung der Gleichberechtigung und der grundlegenden Menschenrechte von trans Personen in Uganda. Seit ihrer Gründung hat PEDI bereits über 200 trans Frauen unterstützt. Fabian hat kürzlich vier Monate in Europa verbracht, um Kontakte zu knüpfen und das Netzwerk ihrer Organisation zu erweitern. Wer diese Arbeit unterstützen will, kann direkt spenden an:

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War es für queere Menschen in Uganda schon immer so hart oder gab es in der Vergangenheit auch bessere Zeiten? Früher mussten wir uns weniger verstecken, und es gab Organisationen, die sich öffentlich für uns engagierten und zu helfen versuchten. Seit das Gesetz in Kraft getreten ist, leben wir alle in einem Ausnahmezustand.


Warum ist die ugandische Gesellschaft so queerfeindlich? Basiert das auf bestimmten Traditionen? Religion spielt auf jeden Fall eine Rolle. Die ersten Einschränkungen 2014 waren noch weniger radikal. Christliche und muslimische Gemeinschaften unterstützten dann die Verschärfung und die Kriminalisierung.

 

Was müsste geschehen, um die Situation zu verbessern? Das ist leider sehr schwierig. Wegen der systematischen rechtlichen Diskriminierung ist es kaum möglich, sich offen für die Interessen der queeren Gemeinschaft einzusetzen. Dass viele westliche Staaten nun auch noch ihre Entwicklungsgelder kürzen, macht alles nur noch schwieriger. Auch die Wahlen nächstes Jahr werden kaum etwas verbessern. Wir konzentrieren uns deshalb als Gemeinschaft vor allem darauf, wie wir uns schützen und selbst helfen können. Es ist schrecklich, wie viele junge Menschen getötet werden, wie viele Leben verschwendet werden. Und selbst wenn das Gesetz morgen abgeschafft würde, würde es lange dauern, bis sich die Lage für uns wieder normalisiert. Es haben so viele ihre Arbeit und ihre Familien verloren und sind psychisch angeschlagen.


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Du hast PEDI 2020 mitgegründet. Wie kam es dazu? Ich hatte gerade mein Psychologiestudium begonnen als eine trans Frau aus Hass brutal ermordet wurde. Eine Freundin und ich waren schockiert, tauschten uns aus, begannen Treffen zu organisieren, die grösser und grösser wurden – auch weil die Leute in der Gruppe Gleichgesinnte und Freund*innen fanden. Wir realisierten, dass wir daraus mehr machen könnten. Schliesslich meldeten wir uns offiziell als Jugendorganisation an, die junge Menschen bei der wirtschaftlichen Emanzipation unterstützt. Dafür konnten wir sogar Fördermittel beantragen. Mein Mitgründer, ein trans Mann, ist inzwischen nach Kanada ausgewandert. Viele sehen die Flucht ins Ausland als einzige Lösung, aber dadurch verlieren wir viele wertvolle Menschen, die nicht mehr mit uns für eine Verbesserung der Situation kämpfen. Und längst nicht allen geht es im Ausland gut. Es ist nicht leicht, eine Arbeit zu finden, und es gibt viel Fremdenfeindlichkeit.

 

Wie hat sich eure Arbeit seit der Gründung entwickelt? Der Schwerpunkt lag zu Beginn auf trans Frauen in ländlichen Gebieten, die Schwierigkeiten hatten, medizinische Versorgung zu erhalten. Wir richteten auch eine Notunterkunft ein, die sehr gefragt war. Bis es eine Polizeirazzia gab. Die Unterkunft wurde geschlossen, und wir landeten im Gefängnis. Nach einiger Zeit kamen wir gegen Kaution wieder frei und gingen für eine Weile nach Südafrika, bis sich die Lage wieder etwas beruhigt hatte. Inzwischen haben wir eine neue Notunterkunft eröffnet, und wieder ist die Nachfrage gross.

 

Wer wohnt in der Notunterkunft? Das sind meist trans Menschen mit gesundheitlichen Problemen, die sofortige Hilfe benötigen. Aber medizinische Versorgung und Medikamente sind extrem teuer, insbesondere weil trans Personen sich in staatlichen Kliniken nicht behandeln lassen können. Wir wollen deshalb mittelfristig eine eigene Klinik mit eigenen Ärzten aufbauen.


«Inzwischen kennen wir viele Menschenrechtsorganisationen und Anwälte, die uns unterstützen und auch in Notfällen helfen. Aber die Finanzierung bleibt eine grosse Herausforderung – wir sind nur neun aktive Mitglieder und machen das alles ehrenamtlich.»

Wie finanziert ihr euch? Über Spenden. Ab und zu bekommen wir richtige grosse Beträge – dies ermöglicht uns dann sowas wie den Aufbau einer Notunterkunft. Aber es gab immer wieder Zeiten, in denen wir nicht wussten, wie wir weitermachen sollten. Wir sind froh um jede Spende, sei sie auch nur klein. Aber wir versuchen auch, Kunst zu verkaufen, um uns zu finanzieren.

 

Habt ihr gar keine Hilfe von aussen? Doch, inzwischen kennen wir viele Menschenrechtsorganisationen und Anwälte, die uns unterstützen und auch in Notfällen helfen. Aber die Finanzierung bleibt eine grosse Herausforderung – wir sind nur neun aktive Mitglieder und machen das alles ehrenamtlich. Deshalb war ich dieses Jahr auch einige Monate in Europa und habe versucht, unser Netzwerk zu erweitern und uns mehr Sichtbarkeit zu verschaffen. Es ist schön, als Organisation anerkannt zu sein und in andere Länder eingeladen zu werden, um dort zu sprechen.

 

Wie einfach ist es für trans Menschen, mit euch in Kontakt zu treten? Das passiert meist über Mund-zu-Mund-Propaganda. Wir sind ausserdem in verschiedenen Netzwerken präsent, zum Beispiel in WhatsApp-Gruppen, wo wir Flyer veröffentlichen. Viele nutzen soziale Medien, aber halt nur sehr vorsichtig. Und manchmal müssen wir auch den Transport organisieren für Leute, die sich an uns wenden.

 

Was sind ihre dringendsten Bedürfnisse? Sicherheit und humanitäre oder medizinische Hilfe. Einige müssen innerhalb des Landes umgesiedelt werden. Wir versuchen, ihnen Anwälte zu vermitteln. Andere kommen direkt in unsere Notunterkunft. Oder wir geben ihnen ein wenig Geld für die Miete oder Essen.


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Unterdrückt, diskriminiert und mit dem Tode bedroht

Seit Präsident Yoweri Museveni 1986 an die Macht kam, hat seine Regierung die freie Meinungsäusserung sowie die Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit eingeschränkt. Besonders betroffen sind queere Menschen und alle, die sich für deren Rechte einsetzen. Die Kriminalisierung gleichgeschlechtlicher Handlungen in Uganda begann schon während der britischen Kolonialzeit, die Regierung Museveni jedoch hat die Repressionen und die Diskriminierung massiv verschärft. Im Mai 2023 verabschiedete Uganda eines der weltweit strengsten Anti-LGBTQIA+ Gesetze: «Schwere Homosexualität˚» kann mit dem Tod bestraft werden, gleichgeschlechtliche Beziehungen mit lebenslanger Haft.

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Konntet ihr auch auf gesellschaftlicher oder politischer Ebene etwas bewegen? Wir versuchen es, aber weil wir dabei sehr vorsichtig sein müssen, ist das enorm schwierig. Da wir noch immer als Jugendorganisation auftreten, können wir ab und zu Behörden auf Bezirksebene einbinden. Es gibt auch ein paar positive Kontakte zur Polizei. In seltenen Fällen vertreten wir tatsächlich offen die trans Gemeinschaft. Und es gibt andere queere Organisationen in Uganda wie SMUG, die uns unterstützen und die ebenfalls etwas zu bewegen versuchen. Aber auch sie leiden unter Finanzproblemen und darunter, dass viele Aktvist*innen früher oder später aufgeben und das Land verlassen.

 

Wie gefährlich ist es für euch, trans Anliegen offen zu vertreten? Sehr gefährlich. Wir wechseln immer wieder den Standort und riskieren ständig, verhaftet zu werden. 2023 war ich sechs Monate im Gefängnis.

 

Was hast du dort erlebt? Es war eine schreckliche Erfahrung, unter der ich noch immer leide. Ich wurde schikaniert und gefoltert. Und ich habe dadurch viele Beziehungen verloren, weil ich offiziell als trans Person inhaftiert war.


Werdet ihr auch als Organisation von den Behörden oder Bürgern schikaniert? Seit wir das letzte Mal umgezogen sind nicht mehr. Zuvor immer wieder. Einmal nahmen sie den Computer und alle Unterlagen mit, um weitere Informationen zu bekommen. Und im Dezember 2024 wurde ein Mitglied unserer Notunterkunft ganz in der Nähe von einem Mob zu Tode geprügelt – ein schrecklicher Schlag, der uns zutiefst erschüttert hat. Danach sind wir dann umgezogen.


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Wie und wann hast du realisiert, dass du trans bist? Schon in der Schule, wo ich immer gemobbt wurde. Ich fühlte mich anders und war nie mit einem Mädchen zusammen. Zuerst dachte ich, ich wäre ganz allein mit meinen Gefühlen, bis ich mit etwa 18 Jahren auf Facebook eine trans Freundin fand. Aber es hat einige Zeit gedauert, bis ich mich akzeptieren konnte und begann, Lippenstift zu benutzen, die Haare zu färben, mich schick anzuziehen. Und ich mache das bis heute eigentlich nur für mich zu Hause, weil es viel zu riskant ist, so in der Öffentlichkeit aufzutreten und als trans Person erkannt zu werden.


Hast du deshalb auch deinen männlichen Namen behalten? Ja, das ist einfacher und weniger riskant.

 

Wissen deine Familie und deine Freund*innen von früher Bescheid über dich? Meinen Eltern habe ich es nie offiziell gesagt. Aber als die Behörden mich ins Gefängnis gesteckt haben, riefen sie meine Eltern an und sagten ihnen, weshalb. Sie waren untröstlich. Zu meiner Mutter habe ich noch ab und zu Kontakt, zu meinem Vater und meinen Geschwistern überhaupt nicht. Auch Freund*innen von früher habe ich nicht mehr. Aber einige neue von der Universität, hauptsächlich Mädchen. Die haben damit kein Problem.

 

Hattest du schon Beziehungen? Wie schwierig ist es für queere Menschen in Uganda, jemanden kennenzulernen? Ich bin single und lebe allein, alles andere ist auch kaum möglich. Treffpunkte wie Bars oder Clubs gibt es nicht, allenfalls mal einen sicheren Ort bei einer Organisation. Früher hatten wir Grindr, aber das wurde sehr toxisch. Auch andere Social-Media-Plattformen sind riskant. Da melden sich Leute, die dich treffen wollen, um dich dann zu verprügeln, zu erpressen oder anzuzeigen.

 

«Zu sehen, wie sich das Leben der Menschen durch unsere Arbeit und Unterstützung verändert – das ist es, was mich antreibt und mit trotz allem Mut macht.»

Wie hast du deine vier Monate in Europa erlebt? Das war eine sehr schöne Erfahrung. Die Menschen sind sehr offen, ganz anders als Zuhause. Ich habe es sehr genossen, dort meine trans Identität leben zu können. Es war mein erstes Mal in Europa; ich habe dank der Unterstützung von NGOs in Deutschland ein Visum bekommen – als Vertreterin eines Netzwerks für queere Themen im Zusammenhang mit Vertreibung. Aber ich habe natürlich auch meine eigene Organisation repräsentiert. Die meiste Zeit war ich in Deutschland, aber kurz auch in der Schweiz und den Niederlanden.


Wie schwer ist es dir gefallen, nach Uganda zurückzukehren? Das war nicht leicht. Andererseits bin ich auch sehr motiviert für unsere Arbeit und möchte meine Community weiterhin unterstützen. Meine neuen Freundschaften und Netzwerke werden stark dazu beitragen. Aber mehr als kleine Veränderungen werden wir wohl kaum erreichen.

Was gibt dir dennoch Hoffnung? Zu sehen, wie sich das Leben der Menschen durch unsere Arbeit und Unterstützung verändert. Zu erleben, dass meine Handlungen entscheidend sind für diese Verbesserung. Das ist es, was mich antreibt und mir trotz allem Mut macht.

 






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