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Queerer Widerstand, Repression und Hoffnung in Ungarn

  • 24. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

In den letzten Jahren des Orbán-Regimes haben sich die Angriffe auf die queere Community in Ungarn verschärft. Umso stärker war das Zeichen des Widerstands von zwei Prides, die sich vergangenes Jahr trotz Verbot mutig und entschlossen die Strassen nahmen. Ein Einblick in die Lage queerer Rechte in Ungarn anhand des Falls von Géza Buzás-Hábel sowie Einordnungen von Dávid Vig, Direktor von Amnesty International Ungarn.


Text: Laura Fischer, Co-Verantwortliche Individuals at Risk bei Amnesty Schweiz


Ungarn befindet sich im Umbruch. Am 12. April wurde Viktor Orbán nach 16 Jahren konservativer und zunehmend autoritärer Regierung abgewählt: Bis in die frühen Morgenstunden feierten Ungar*innen auf den Strassen. Das bringt Erleichterung und Hoffnung auch für die queere Community. Doch noch ist unklar, was die neue Regierung unter Péter Magyar für die Rechte von LGBTQIA+ bewirken wird. Orbán und seine Fidesz-Partei hatten jahrelang Zeit, um stetig die Menschenrechte auszuhöhlen, die Rechtsstaatlichkeit zu schwächen und die Gewaltenteilung zu untergraben. Um von wirtschaftlichen und sozialen Problemen im Land abzulenken, hetzten sie gezielt gegen marginalisierte Gruppen, vor allem die queere Community.


Einen grossen Schaden hinterlässt Orbán mit seinem «Anti-Pride-Gesetz» vom April vergangenen Jahres. Es wurde kurz vor dem Pride-Monat im Eilverfahren vom Parlament verabschiedet und kriminalisiert unter dem zynischen Vorwand des Kinderschutzes jegliche Versammlung für die Rechte und Sichtbarkeit von LGBTQIA+.


Vorsichtig hoffnungsvoll

Dávid Vig, Direktor von Amnesty Ungarn, ist nach den Wahlen vorsichtig hoffnungsvoll, dass dieses und weitere diskriminierende Gesetze bald rückgängig gemacht werden. Péter Magyar habe in seiner Siegesrede von einem Ungarn für alle gesprochen, egal, wen man liebt. Vig betont jedoch: «Wir müssen sicherstellen, dass die neue Regierung ihre Versprechen einhält. Wenn Magyar ein freies und gleichberechtigtes Ungarn schaffen will, bedeutet das das Ende des Pride-Verbots, des Anti-LGBTQIA+-Propagandagesetzes von 2021, des Verbots von Adoptionen für gleichgeschlechtliche Eltern sowie des Verbots der rechtlichen Anerkennung des Geschlechts von trans Personen.»


Dávid Vig, Direktor von Amnesty International Ungarn (Bild: Amnesty)
Dávid Vig, Direktor von Amnesty International Ungarn (Bild: Amnesty)

Géza Buzás-Hábel ist Rom, schwul und unfassbar mutig. Trotz des Verbots organisierte er vergangenen Oktober zum fünften Mal in Folge die Pécs-Pride, die einzige Pride in Ungarn ausserhalb von Budapest. Unter dem Slogan «Wir haben keine Angst» gingen 5000 Menschen für die Gleichberechtigung auf die Strasse und setzten mit ihrem Protest auf dem Land ein riesiges Zeichen der Solidarität und Gemeinschaft.


Prozess gegen Pride-Organisator Als Organisator der Pécs-Pride geriet Géza Buzás-Hábel schnell ins Visier der Behörden. Gegen ihn wurde wegen der «Organisation einer verbotenen Versammlung» ermittelt, und er wurde von der Polizei vorgeladen.  Am 9. Februar hat die Staatsanwaltschaft schliesslich Anklage erhoben. Im Falle einer Verurteilung droht ihm eine Haftstrafe von bis zu einem Jahr. Amnesty International setzt sich mit einer laufenden Petition für die Einstellung seines Prozesses ein.



Géza Buzás-Hábel (oben) organisierte im Oktober 2025 die Pècs-Pride (Bilder: Amnesty)
Géza Buzás-Hábel (oben) organisierte im Oktober 2025 die Pècs-Pride (Bilder: Amnesty)

Dávid Vig bezeichnet die Strafverfolgung von Géza Buzás-Hábel als Tiefpunkt in der Geschichte des Landes: «Das System Orbán ist so weit gegangen, seinen Kritiker*innen mit dem Gefängnis zu drohen: Aktivist*innen, Oppositionspolitiker*innen und sogar Priester waren betroffen! Eine schreckliche Eskalation. Es braucht viel Mut, sich gegen diese Repression zu wehren und für das einzustehen, was uns wichtig ist.» Er fügt an: «Die Wahl von Péter Magyar allein stoppt den Prozess gegen Géza nicht. Wir verlangen und hoffen deshalb, dass das neue Parlament schon bald das Pride-Verbot aufhebt.»


Sogar der Bürgermeister soll büssen

Ungarns Hauptstadt leistete ebenfalls Widerstand: Als Antwort auf das Verbot fand im Juni 2025 die grösste Budapest Pride der Geschichte mit 200'000 Demonstrant*innen statt. Ermöglicht wurde dies unter anderem durch den Einsatz des Bürgermeisters Gergely Karácsony. Er versuchte, die Pride als «Stadtfest» unter seine Obhut zu bringen und dem Gesetz der Regierung zu entziehen. Auch gegen Gergely Karácsony wurde ermittelt, er soll eine Geldstrafe zahlen.


Dávid Vig erinnert sich: «Die Budapest Pride war die grösste Demonstration, die ich je erlebt habe. An dem Tag haben wir entscheidend zu einer Veränderung des politischen Klimas in Ungarn beigetragen und gezeigt: Orbáns autoritärer Staat ist nicht so stark, wie er wirkt. Wenn wir kollektiv handeln, kann und wird die Regierung keine Gewalt gegen uns anwenden. Die Menschen, die damals auf der Strasse standen, haben durch ihren zivilen Ungehorsam deutlich gemacht, dass Ungarn sich das Recht auf Protest nicht nehmen lässt.»


Diese Stimmung möchte Vig auch an die queere Community in der Schweiz weitergeben: «Ich habe auf die harte Tour gelernt, dass Rechte nicht einfach gewährt werden, wenn wir nicht für sie einstehen. Ich denke, das gilt vielleicht auch für die Schweiz. Man darf Rechte nicht als selbstverständlich ansehen, sondern muss jeden Tag für sie kämpfen.»



Der Regierungswechsel in Ungarn ist ein entscheidender Moment im Prozess gegen Géza Buzás-Hábel. Es lohnt sich nun umso mehr, Druck aufzubauen. Unterzeichne jetzt die Petition!




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