Queeres Wohnen im Alter
Alterswohnungen und Alterspflegewohngruppen für queere Menschen gibt es bisher noch nirgends in der Schweiz. In Zürich wurde Anfang Jahr nun der Grundstein für das Pionierprojekt «Espenhof – Wir leben Vielfalt!» gelegt. Dank jahrelanger Vorarbeit des Vereins queerAltern.
Text: Jared Barthel
Coming-outs sind besonders zu Beginn ein Dauerthema, wenn man beschliesst, seine queere Identität mit dem Umfeld zu teilen. Natürlich gibt es auch später immer wieder Situationen, in denen man seine Identität erklären oder rechtfertigen muss, doch in der Regel entstehen mit der Zeit ein unterstützendes Umfeld und eine Wohnsituation, in der man sich sicher fühlt.
Doch dann kommt das Alter. Die Selbständigkeit und das soziale Netz nehmen durch Krankheit und Tod ab. Und die Frage «Wie wohnen?» stellt sich neu. Für viele wird es letztlich eine Altersinstitution sein.
Im Alter zurück zur Heimlichtuerei?
Dort braucht es unweigerlich erneut Coming-outs, und wieder bei Personen, von denen man abhängig ist. Auch die Nachbar*innen kann man sich nicht aussuchen, und je nachdem besteht ein gewisses Risiko, dass man zunehmend wieder rückwärts in den Schrank hineingeht, aus dem man sich in früheren Lebensabschnitten gekämpft hat.
Das mag düster klingen, ist jedoch leider kein unrealistisches Szenario. Es besteht keine Garantie, dass die Fachkräfte im Alterszentrum wissen, wie wichtig die Fortsetzung der Hormontherapie für eine Anwohnerin ist. Vielleicht wird pragmatisch argumentiert, dass diese zu schädlich für die Gesundheit sei. Auch könnte ein homophober Zimmernachbar der Grund dafür sein, dass ein schwuler Mann im Alterszentrum sich immer weniger hinaus traut.
queerAltern in Zürich, Basel und Bern
Seit 2014 setzt sich der Verein queerAltern für die Vernetzung und Unterstützung von queeren Menschen in den späteren Lebensjahren ein. Inzwischen gibt es neben Zürich auch Gruppen in Basel und Bern. Nach jahrelangem Suchen und Aushandeln hat queerAltern Zürich nun einen echten Meilenstein erreicht: Das Wohnprojekt Espenhof-Nord.
Anders als die bereits realisierten Wohnangebote des Vereins, wird es hier auch betreutes Wohnen geben. Zusammen mit der Stiftung Alterswohnungen der Stadt Zürich und den Gesundheitszentren für das Alter wird nun das ursprüngliche Ziel des Vereins verwirklicht: Eine queere Gemeinschaft, in der man alt werden kann. Und wenn das selbständige Wohnen einmal nicht mehr möglich ist, bleibt man immer noch im selben, vertrauten Umfeld.

Eine Charta fürs Zusammenleben
Die Frage nach der Notwendigkeit von queerem Wohnraum im Alter hat Barbara Bosshard, Vereinspräsidentin von queerAltern Zürich, schon oft gestellt bekommen. Und nach der Medienmitteilung zur Grundsteinlegung am 29. Januar in Zürich gab es auch prompt diverse Hasskommentare. Doch genau das illustriert auch die Notwendigkeit eines solchen «Safe Space» im Alter.
«Seit 2022 gibt es die Ehe für alle», sagt Bosshard, «aber bei der Abstimmung hat jede dritte Person dagegen gestimmt. Das bedeutet, dass es noch immer eine unterschwellige Ablehnung gegenüber Queers gibt. Und mit diesen Menschen zusammenzuleben, bedeutet, dass ich mich immer wieder fragen muss, ob ich mich outen kann oder dann aus der Strick- oder Jass-Gruppe, die mehrheitlich aus Hetis besteht, ausgeschlossen werde.»
Um diesen sozialen Risiken entgegenzuwirken, wird es für Espenhof-Nord klare Verhaltensregeln zur Akzeptanz von Minderheiten und für das Zusammenleben geben. Diese Charta gilt für alle Bewohner*innen der Liegenschaften – egal ob sie Teil der queeren Community sind oder nicht. Zudem finden für die Angestellten der Stiftung Alterswohnungen und für diejenigen, die im Espenhof arbeiten werden, obligatorische Weiterbildungen statt. Dabei soll unter anderem auf die Biografien der Bewohner*innen sensibilisiert werden.
Auch das Quartier miteinbinden
Die Fachkräfte sind also geschult, die Nachbar*innen nicht queerphob. Doch wie bildet sich aus den unterschiedlichen Menschen eine Gemeinschaft? «queerAltern Zürich wird zweimal pro Jahr Veranstaltungen im Espenhof organisieren, an denen auch die Menschen aus dem Quartier teilnehmen können», erklärt Bosshard. Welche Aktivitäten das konkret sein werden, steht noch nicht fest, die Planung beginnt erst, wenn der Einzugstermin klar ist.
Doch der Verein verfügt bereits über breite Erfahrung. «In der Zürcher Gleis-Bar organisieren wir beispielsweise regelmässig den queer Salon – dabei führe ich alle zwei Monate mit einem Vereinsmitglied ein Gespräch zu einem biografischen Thema. Vor der Fussball-EM der Frauen sprach ich mit einer Lesbe über ihre Fussballkarriere in der Nationalmannschaft. Dieses Format können wir in abgeänderter Form auch für das Espenhof-Quartier anbieten.»
2028 geht es los
Mit dem Espenhof-Projekt hat der Verein nun eine grosse Hürde bewältigt: Passenden Wohnraum finden. Dies war lange am Preis gescheitert. Nach einigen erfolglosen Versuchen ging queerAltern schliesslich auf die Stadt Zürich zu und sprach mit Gesundheitsvorsteher Andreas Hauri (GLP) und seinen Direktor*innen, die von der Vision begeistert waren. Dies führte zu einer sehr kooperativen Zusammenarbeit – der bereits existierende Plan der Architekturgruppe für Espenhof-Nord wurde sogar extra noch an die Wünsche von queerAltern angepasst und um 23 Pflegewohngruppen-Plätze erweitert.
2028 soll der Bau abgeschlossen sein, und das Wohn-Pionierprojekt kann beginnen. Was brauchts, damit es aus Sicht des Vereins ein Erfolg wird? Barbara Bosshard lächelt und sagt: «Wenn alle Freude aneinander haben und Vielfalt gelebt wird! Die Begegnungen unterschiedlicher Menschen sollen bereichernd sein und zu gegenseitigem Lernen anregen. Idealerweise entstehen neue Freundschaften fürs Leben – unabhängig von der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität.»







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