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HAVEN 99 - EIN SICHERES ZUHAUSE FÜR JUNGE QUEERS

vor 12 Stunden
5 Min. Lesezeit

Seit 2023 bietet Haven99 im Kanton Zürich jungen queeren Menschen Obdach, Beratung und finanzielle Hilfe, wenn sie sich aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität in ihrer aktuellen Wohnsituation unsicher fühlen. Die ehrenamtliche Organisation beherbergt derzeit mehrere Jugendliche – und bräuchte eigentlich mehr Platz. Wir haben uns mit dem Gründer Samuel Farinato und einer aktuellen Bewohnerin unterhalten.


Text & Foto: Orkun Kasap & Vera Maag Illustration: Paraskevi Chrysopoulidou



Sämi, bevor wir zur Arbeit von Haven99 kommen: Wer bist du und wie kamst du zu diesem Engagement? Ich bin 26 Jahre alt, komme aus Nidwalden und habe italienische Wurzeln. Meine Geschichte ist leider typisch für viele: Mit 16 outete ich mich bei meiner sehr gläubigen Familie. Das kam nicht gut an. Ich musste mich zweimal einer Konversionstherapie unterziehen, was mehr geschadet als genützt hat. Als ich mit 18 beschloss, selbstbestimmt zu leben, und meiner Familie erzählte, dass ich mit einem Mann in einer Beziehung sei, haben sie mich rausgeschmissen. Obdachlos war ich zwar nie, aber ich stand ständig unter Stress, eine neue WG zu finden – oft nur für kurze Zeit oder ungeklärte Dauer. Dazu kamen psychische Krisen und zwei Klinikaufenthalte im Sommer 2021. Erst dort lernte ich das Wort «Selbstwert» kennen. Doch danach fragte ich mich, wo ich mich denn hätte melden können, als ich Hilfe brauchte. Es gab sowas schlicht nicht. Also dachte ich mir: Warum so ein Angebot nicht selbst aufbauen? So entstand Haven99 mit einem Team aus ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen. Zusammen mit Sonja Weber bin ich im Vorstand – ohne sie und das Team wäre das Ganze nicht möglich.


Welche Lücke genau wollt ihr füllen und wer ist eure Zielgruppe? Wir bieten eine Wohnmöglichkeit für queere Personen zwischen 18 und 25 Jahren, die wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität diskriminiert werden, und zuhause Hass, Gewalt oder Ablehnung erleben. Das Alter ist ein Kriterium, aber vor allem der Leidensdruck. Dabei haben wir als Institution gegenüber den Behörden ein gewisses Problem der Sichtbarkeit: Wir müssen erstmal beweisen, dass es diese Zielgruppe überhaupt gibt, dass sie leidet und dass sie spezifische Bedürfnisse hat.

Das klingt nach einem systemischen Problem. Wie verortest du das konkret? Auf mehreren Ebenen, beispielsweise bei der Organisation des Asylwesens: Für Menschen mit Fluchthintergrund, etwa mit S-Status, ist die erste Anlaufstelle und Unterkunft oft bei der Asylorganisation Zürich (AOZ). Dort jedoch gibt es kaum queer- spezifische Möglichkeiten. Beispielsweise wissen trans Personen nicht, welche Zimmer sie bewohnen können und dürfen. Die kulturellen Hintergründe erschweren ihre Situation zusätzlich. Auf Anfrage der AOZ bieten wir nun Beratung an, aber die Umsetzung staatlicher Lösungen stockt. Ein anderes Problemfeld sind Hate Crimes. Wenn queere Jugendliche oder junge Erwachsene zur Polizei gehen, weil sie bedroht wurden, wird oft nach Beweisen verlangt. Können sie diese nicht liefern, werden sie wieder nach Hause geschickt. Das ist katastrophal. Wir brauchen hier einen aktiven Staat, politische Unterstützung und mehr Ressourcen.

Ihr wollt wachsen: Was ist eure Vision für Haven99? Wir hätten gerne fünf bis sieben Häuser in der ganzen Schweiz, jeweils mit drei bis acht Schlafplätzen. Vielleicht sogar ein Haus nur für Notfälle – etwa für queere Jugendliche, die wissen, dass sie sich morgen outen wollen und sicher sein wollen, einen Schlafplatz zu haben, falls es schiefgehen sollte. Ausserdem möchten wir uns professionalisieren und jene Mitarbeitende offiziell anstellen, die sich aktuell auf freiwilliger Basis bei uns engagieren. Wir hätten gerne eigene Therapeut*innen und Berater*innen, sowie Fundraiser*innen und Social-Media-Expert*innen. Ideal wäre, wenn der Staat langfristig die Finanzierung übernimmt, damit wir nicht ständig an Grenzen stossen.

Was stört dich am meisten an der aktuellen Situation? Dass der Staat noch immer nicht die volle Verantwortung übernimmt. Aktuell klingt seine Position so: «Wir zahlen die Miete, den Rest macht ihr.» Mit einer umfassenderen Finanzierung, müssten wir uns weniger mit organisatorischen Problemen beschäftigen und könnten uns auf die konkrete Arbeit konzentrieren. Schön wäre, wenn der Staat unser Konzept übernehmen und uns als Berater*innen anfragen würde. Aber bis dahin werden wir genau so weitermachen.

Was rätst du queeren Jugendlichen, die in einer schwierigen (Wohn-)Situation stecken? Gebt nicht auf und sucht Hilfe. Öffnet euch, auch wenn es schwer ist. Es gibt Menschen, die verstehen, mit welchen Problem und Herausforderungen ihr konfrontiert seid, und es ist enorm wichtig zu spüren, in solch schwierigen Situationen nicht allein zu sein.


Gründer Samuel Farinato
Gründer Samuel Farinato


 

Zum ersten Mal seit langem fühlt sich Leila zu Hause wieder sicher.


Leila (20) wohnt aktuell im Haven99 und hat uns ihre Geschichte erzählt. Zu ihrer Sicherheit sind gewisse Aspekte anonymisiert, auch ihr Name.

 

Entscheidungen

Als Leila noch bei ihren Eltern wohnte, tarnte sie ihre Freundin als Kollegin, denn sie sorgte sich, wie ihre Eltern reagieren würden, wenn sie die Wahrheit wüssten. Doch dann outete sie sich doch, und ihre Befürchtungen bewahrheiteten sich. «Es war mega schlimm», erinnert sie sich. «Meine Eltern haben sich hintergangen und belogen gefühlt.» Was folgte, war eine Spirale von Entfremdung und Drohungen, nicht nur an Leila, auch gegen die Familie ihrer Freundin. Als ihr Vater ihr sagte, es gebe keinen Ausweg, Leila müsse sich anpassen, suchte sie Hilfe bei der Polizei, bei der Opferhilfe und bei der Beratung der Lesbenorganisation (LOS). Doch die Antworten waren enttäuschend: «Du musst das aushalten» oder «Bleib einfach und versuche einen Kompromiss auszuhandeln». Immerhin bekam sie eine Liste mit möglichen Anlaufstellen, die sie abtelefonierte, bis sie auf Haven99 stiess. Am Anfang war Leila skeptisch, doch die Not war grösser. Eines Nachts nach einem heftigen Streit mit ihrer Mutter, war ihr klar: Wenn sie jetzt nicht gehen würde, würde sie es nie schaffen. In aller Eile packte sie einen kleinen Koffer mit den notwendigsten Sachen und verliess ihre Heimatstadt und alles Vertraute. Am neuen Ort kannte sie niemanden, aber glücklicherweise vertraute sie auf ihr Bauchgefühl.

 

Ankommen

In den ersten Tagen lebte Leila im Notfallzimmer des Haven99 und stellte sich viele Fragen: Wer ist dieser Sämi und kann ich ihm vertrauen? Habe ich mich richtig entschieden? Nach einigen Tagen kam dann die erleichternde Nachricht, dass es in der Unterkunft einen Platz für sie gab. Sie hatte Glück. Leila war froh, endlich angekommen zu sein – an einem Ort, wo sie angenommen wird, wie sie ist. Ein eigenes Zimmer einzurichten und zu gestalten, gab ihr das Gefühl, zuhause zu sein. Und zum ersten Mal seit langem hatte sie keine Angst.

 

Sicherheit

Für Leila ist Sicherheit mehr als eine abgeschlossene Tür.  Es ist ein Ort, an dem sie so sein darf, wie sie ist. Im Haus gibt es Regeln, die diese Sicherheit gewährleisten, beispielsweise bleibt die Adresse geheim, und Besuchende müssen Stillschweigen bewahren. Die herzliche Atmosphäre ist wichtig; Leila findet, dass Sämi wie ein Vater und eine Mutter zugleich sei. Wenn sie irgendwelche Fragen zur Queerness habe, gehe sie zu ihm und werde dabei nicht auf ihre Identität reduziert. «Ich kann jede einzelne Facette von mir selbst sein, ganz anders als bei meiner Familie.»

 

Zukunft  Leila lernte, dass Selbstvertrauen der Schlüssel ist. «Wenn ich selbstsicher zu meiner Identität stehe, biete ich weniger Angriffsfläche und werde auch von meinem Umfeld mehr akzeptiert.» Ihr Rat an andere in ähnlichen Situationen: «Steh zu dir, zweifle nicht, such dir unbedingt Hilfe und gib nicht auf!» Auch findet sie, dass Projekte wie Haven99 unbedingt sichtbarer sein müssten. «So sieht die Gesellschaft, dass es junge queere Menschen gibt, die Unterstützung brauchen. Und diese erfahren von dem Angebot und können sich und anderen besser helfen. Ich weiss nicht, wo ich heute ohne das Haven99 und Sämi wäre. Jetzt habe ich endlich ein Zuhause.»



Haven99 im Kanton Zürich bietet jungen queeren Menschen ein sicheres Zuhause – mit Obdach, Beratung und Unterstützung. Wie Queeramnesty arbeiten auch Sämi und sein Team mit grossem Engagement und auf freiwilliger Basis in einem Bereich, wo sonst niemand anders effektiv tätig ist. Haven99 sollte keine Ausnahme sein, aber solange es das ist, ist es umso notwendiger – und auf Spenden angewiesen: www.haven99.ch

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