Queerer Musical-Klassiker in Zürich
Der englischsprachige Theaterverein ZEST bringt diesen Herbst «Rent» in Zürich auf die Bühne – und spendet einen Teil der Einnahmen an Queeramnesty. Wir haben die erste Probe besucht und uns mit dem Regisseur und zwei Darsteller*innen unterhalten.
Text: Copsi Schäfli Bilder: Oliver Knoll/ZEST
Nach und nach füllt sich der Proberaum mit einer farbenfrohen Gruppe. Fast alle der 16 Darstellenden sind anwesend für die erste Probe von «Rent» des Theatervereins ZEST. Es fallen Sprüche und Scherze von Leuten, die sich bereits besser kennen; andere stellen sich einander erst einmal vor, erklären, welche Rolle sie spielen und wieso sie sich für genau diese entschieden haben.
Nach einer halben Stunde geht es dann offiziell los. Die Gruppe setzt sich in einem Halbkreis um das Klavier, an dem Regisseur Oli Pont sich niedergelassen hat. Er öffnet das Skript und erklärt: «Ich übernehme vorerst die Bezeichnungen ‹Männer› und ‹Frauen› aus der Partitur, auch wenn ich diese binäre Aufteilung – erst recht für ‹Rent› – persönlich völlig unpassend finde und mir bewusst ist, dass diese Begriffe auf einige von uns schlicht nicht zutreffen. Da wir die Partitur nicht ändern können, halte ich mich zur Orientierung an das gedruckte Libretto.»

Vor der Probe haben sich Oli Pont und die Hauptdarsteller*innen Kira-Scypher Ryker (sie) und Julien Jordan (er) Zeit für ein Gespräch genommen. Software-Ingenieur Pont kommt aus London, ist seit 12 Jahren in der Schweiz und seit 10 Jahren im Verein, den er inzwischen auch leitet. Er war in Grossbritannien bereits als Regisseur aktiv und macht dies bei «Rent» nun zum vierten Mal bei ZEST.
Die Synchronsprecherin Kira-Scypher Ryker stammt aus den USA und verfügt über 17 Jahre Theatererfahrung. Sie ist seit 8 Jahren in der Schweiz und neu bei ZEST. Im Stück spielt sie Angel. Ebenfalls neu im Verein ist Julien Jordan, der Roger spielt. Er kommt aus der Schweiz, hat aber 2006 ein Austauschjahr in der Nähe von Chicago verbracht, wo er bereits erste Erfahrungen in einem Musical sammelte. Seit 2019 stand er in Bern in verschiedenen Theater- und Musicalproduktionen auf der Bühne (darunter Pippin, Chicago und The Normal Heart). Ansonsten arbeitet Julien als Produkt- und Partnermanager für Briefmarken und Philatelie bei der Schweizerischen Post.

Warum habt ihr euch dieses Jahr für eine Zusammenarbeit mit Queeramnesty entschieden?
Oli: Ein Mitglied im Ensemble, Jamie Langridge, war lange bei Queeramnesty aktiv, von ihm stammt die Idee. Ausserdem passt «Rent» perfekt für diese Zusammenarbeit. Es ist ein queeres Musical mit einer wichtigen Botschaft.
Weshalb habt ihr euch für dieses Stück entschieden?
Oli: Bei ZEST funktioniert es so, dass alle, die wollen, einen Vorschlag machen können. Dann organisieren wir eine Probelesung und stimmen ab. Das Feedback wird mit in den Entscheidungsprozess aufgenommen. Ich selbst habe «Rent» vorgeschlagen, weil dieses Musical eine wunderschöne Geschichte hat – und es ist auch schon das vierte Mal, dass ich an einer Produktion von «Rent» beteiligt bin. Ich stand dabei auch schon selbst auf der Bühne, als Mark und Angel. Ausserdem war es gerade die Zeit, als uns unser bisheriges Theater gekündigt wurde, in dem wir seit etwa 40 Jahren gespielt hatten. «Rent» wird jetzt im Millers aufgeführt, und ich finde, die Backsteinwände und das Metall passen sehr gut zum «New York in den 90ern»-Vibe des Stücks.

Worum geht es in Rent?
Oli: Um den Kampf einer nachbarschaftlichen Community während der AIDS-Krise im New York der 1990er-Jahre. Es war 1996 das erste Broadway-Musical, das dieses Thema so radikal ins Zentrum gestellt und damit queere Kultur im Mainstream verankert hat.
Ist die Botschaft des Stücks heute noch relevant für die queere Gemeinschaft?
Oli: Obwohl es heute einfacher sein mag, queer zu sein, gibt es immer noch viel Stigma darum herum. Ausserdem geht es in «Rent» unter der Oberfläche um viel mehr als nur den Kampf gegen HIV. Es geht vor allem um Freundschaft und um die selbst gewählte Familie. Um Liebe unabhängig von Geschlecht und Identität. Das führt auch dazu, dass wir bei ZEST uns so gut damit identifizieren können. Denn auch wir sind eine Community von Menschen, die – ob als Migrant*innen oder als queere Menschen – in der Gesellschaft aus dem Rahmen fallen und einander gefunden haben.
Ist es ein Zufall, dass sich im Cast des Stücks und auch in ZEST selbst so viele queere Menschen befinden oder habt ihr das bei den Castings speziell berücksichtigt?
Oli: Wie man es nimmt. Natürlich ziehen Theater und Musicals queere Menschen schon besonders an, auch wenn das klischeehaft klingt, insofern ist es keine Überraschung. Für die Besetzung des Stücks war das für uns jedoch kein Kriterium. Bei einem offenen Casting wissen wir vorher nie, wer durch die Tür kommt, und wir fragen dabei auch nicht nach Alter, sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität. Auch wenn in der Branche intensiv über authentische Repräsentation debattiert wird, zählt für uns rein das Talent, das Rollenverständnis und die Chemie im Ensemble.

Kira: Gleichzeitig ist die Debatte um Repräsentation extrem wichtig. Ich finde, es macht einen grossen Unterschied, ob eine queere Person eine nicht-queere Rolle spielt oder umgekehrt, weil hier Fragen von Privilegien und Diskriminierung hineinspielen. Das lässt sich spiegelbildlich schwer vergleichen, da queere Personen im Beruf oft vor grösseren Hürden stehen. Zudem geht es um die emotionale Wahrhaftigkeit auf der Bühne: Wenn eine Gruppe ohne jeglichen Bezug zur queeren Community ein Stück wie «Rent» aufführen würde, fehlt schnell die nötige Authentizität. Umso schöner ist es, dass durch ein offenes Casting bei uns organisch ein Cast entsteht, der diese Erfahrungswerte ganz natürlich mitbringt.
Wie habt ihr eure Rolle gewählt und identifiziert ihr euch mit ihr?
Julien: Ich wollte gerade eine Pause vom Theater einlegen, als ich die Ausschreibung sah. In «Rent» mitzuspielen war ein lebenslanger Traum für mich. Mit Roger identifiziere ich mich, weil auch er sich besonders am Anfang des Stücks stark zurückzieht, ausgelöst durch Ereignisse in seinem Leben. Er ist ein HIV-positiver Musiker und hat Drogenprobleme. Seine Freundin hat Suizid begangen, und er versucht, sich von diesem Verlust zu erholen. Er glaubt nicht mehr an die Liebe und nimmt am Leben nicht mehr aktiv teil, doch dann kommt Mimi und bringt alles ins Wanken. Roger zeigt, wie manche Menschen alles verändern können und wie sehr es sich lohnt, nicht aufzugeben.
Kira: Ich freue mich sehr, Angel zu spielen. Sie ist Strassenkünstler*in und spielt in der Gruppe eine zentrale Rolle. Sie ist eine sehr genderfluide Figur. Ich identifiziere mich ebenfalls sehr mit dieser Rolle, denn ich selbst konnte mich erst im frühen Erwachsenenalter als queer outen – auch Angel entdeckt sich im Verlaufe des Stücks selbst.

In einem Musical müssen die Schauspieler*innen zusätzlich auch noch singen und tanzen können. Wie schwierig ist es, kompetente Leute zu finden, die das alles unbezahlt machen?
Oli: Das Casting für «Rent» war das verrückteste und grösste, das wir je hatten. Vielleicht, weil es unser drittes grosses Musical ist und wir langsam bekannt geworden sind. Vielleicht auch, weil sich viele spezifisch mit diesem Stück identifizieren können. Jedenfalls hätten wir jede Rolle drei oder vierfach besetzen können, die Auswahl fiel uns extrem schwer.
Können sich alle Leute bewerben, die Englisch sprechen?
Oli: Im Prinzip ja. Die meisten, die auf der Bühne stehen, haben oft schon einiges an Erfahrung, aber es hat immer auch ein oder zwei Leute dabei, für die es das erste Mal ist. Manchmal kommen Leute auch nur zu den Castings, um ihre Nerven zu testen und zu üben und wollen die Rolle gar nicht wirklich.
Die Zahl englischsprachiger Menschen in Zürich ist stark gewachsen. Spürt ihr das?
Oli: Überraschenderweise ist das Gegenteil der Fall. Als ich 2016 dazugekommen bin, waren unsere Vorstellungen oft zu etwa 80 Prozent ausverkauft – heute eher nur zu rund 60 Prozent. Obwohl englischsprachiges Theater in der Schweiz heute viel präsenter ist als noch vor zehn Jahren – vor allem durch die vielen grossen internationalen Tournee-Produktionen, die durchs Land ziehen –, liegt unsere grösste Konkurrenz bei anderen Freizeitangeboten wie Kinos, Netflix und Co.
ZEST und «Rent»
Den englischsprachigen Zürcher Theaterverein ZEST gibt es bereits 70 Jahren. Er besteht aus rund 300 passiven und aktiven Mitgliedern zwischen 16 und 95 Jahren. Das älteste Mitglied kann sich noch an die Gründung des Vereins in den 1950er-Jahren erinnern. ZEST startete damals als britisches Theater, das ausschliesslich Komödien spielte. Bis heute werden alle Stücke von Freiwilligen inszeniert und gespielt. Jedes Jahr geht ein grosser Teil der Eintritte an eine andere NGO – dieses Mal hat sich ZEST dabei für Queeramnesty entschieden, thematisch passend zum ausgewählten Musical «Rent».
Das Stück von Jonathan Larson, das 1996 am Broadway zum ersten Mal aufgeführt wurde, war laut Regisseur und ZEST-Präsident Oli Pont das erste Mainstream-Musical, das die AIDS-Krise ins Zentrum seiner Handlung stellte. Es habe zudem queere Identitäten der 1990er-Jahre-Bohème im kommerziellen Broadway verankert.
ZEST spielt «Rent» im Theater Millers in Zürich vom 27. November bis 5. Dezember. Tickets gibts hier: https://www.thezest.ch/rent






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