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Samstag, 31. Oktober 1998
Jahresbericht von Queeramnesty 1997/1998 (1997 - Okt.98)
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  • 1. VORGESCHICHTE (Mandatsänderung 1991, Erste Gruppe 1996)
  • 2. AKTIONEN IM MANDATSBEREICH (Rumänien, Brief an Europaparlamentarier der Schweiz, GUS-Staaten, Brasilien, Zimbabwe, Afghanistan)
  • 3. ÖFFENTLICHKEITSARBEIT (31. Mai 1997, Teilnahme am Festival Queersicht, Welt-Aids-Tag 1997, Artikel für ak, dialogai, cruiser und für hab-info, Versandaktion mit Pink Cross, Kochen im anderLand (10. Juni 98), Radio Rabe, Kaleidoskop (15.6.98), Nord-Südmarkt in Bern (28.6.98), CSD Lausanne, 4.7.98, Französischer Flyer)
  • 4. AI-INTERN (Unterstützung durch das Sekretariat, Breaking the Silence Internationales Gay&Lesbian Meeting in Köln (Juli 1997), ICM in Kapstadt (Weltjahreskongress AI Dezember 1997), Finanzen, Teilnahme an der Delegiertenversammlung von AI-Schweiz, Zürich (21.3.98), Teilnahme am Treffen mit dem Hochkommissariat für Menschenrechte über Menschenrechte und sexuelle Orientierung (2.7.98), Internetz, Artikel im Amnestie! 7/98)
  • 5. UNSERE ZUKUNFT (Einbindung von Mitgliedern, Neue Regionalgruppen, Finanzierung, Internationale Zusammenarbeit)
  • Regionale Schwerpunkte unserer Aktionen 1997 und 1998

1. VORGESCHICHTE

Mandatsänderung 1991

Am Internationalen Kongress von AI 1991 in Japan wurden die Statuten von AI dahingehend geändert, dass neu Schwule und Lesben, die wegen ihrer Homosexualität inhaftiert waren, als Gewissensgefangene anerkannt wurden. Die Entscheidung war zentral für die Entwicklung der schwulen und lesbischen Anliegen innerhalb von AI. In den folgenden Jahren gewannen diese eine immer grössere Aufmerksamkeit.

Erste Gruppe 1996

Schon 1996 wurde ein erster Versuch unternommen, in der Schweiz eine gay&lesbian - Gruppe aus der Taufe zu heben. Das Vorhaben scheiterte am mangelnden Durchhaltevermögen. Die Gruppe war geographisch nicht auf eine Stadt festgelegt, was wohl auch ein Hindernis war. Den zweiten Anlauf unternahm man Anfang 1997, vor der grossen Demo im Mai 97. Die Gruppe konzentriert ihre Aktivitäten vorläufig auf Bern.

2. AKTIONEN IM MANDATSBEREICH


Rumänien

Die Aktion gegen den berüchtigten Artikel 200 im rumänischen Strafgesetzbuch war unser erstes Unterfangen. Ein ansprechendes Faltcarton forderte die LeserInnen auf, die angehängten, vorgeschriebenen Protestbrief nach Rumänien zu schicken. Die Briefe wurden ua. an der grossen Demo vom 31. Mai 1997 in Bern verteilt. Anfang 1998 haben wir dann einen weiteren Protestbrief an den rumänischen Präsidenten geschickt. Die Kopie, die wir an die rumänische Botschaft schickten, wurde mit einem langfädigen, nicht konklusiven Brief beantwortet.

Brief an Europaparlamentarier der Schweiz

Im Rahmen des Aufnahmeverfahrens in den Europarat musste sich Rumänien einer eingehenden Prüfung seiner rechtlichen Verfassung unterziehen. Gerügt wurde unter anderem die Diskriminierung von Schwulen und Lesben. Das Land hat sich nach der Aufnahme dazu verpflichtet, den Artikel 200 so anzupassen, dass Schwule und Lesben den Heterosexuellen gleichgestellt werden. Diese Anpassung ist bis heute nicht erfolgt. AI for gays & lesbians hat deshalb den schweizer Europa-ParlamentarierInnen einen Brief geschickt, in dem diese gebeten werden, auf einer möglichst schnellen Änderung zu beharren.

GUS-Staaten

Gleich mehrere GUS-Staaten sind momentan damit beschäftigt, die alte Verfassung aus Sowietzeiten zu revidieren. Für uns ist dabei insbesondere von Interesse, was mit den sogenannten "Sodomy laws" geschieht. Ideal wäre es, wenn diese einfach aus den neuen Verfassungen gekippt würden. AI for gays & lesbians hat deshalb die Justizministerien von Armenien, Aserbaidschan, Turkmenistan, Usbekistan und von Kirgisien angeschrieben. Wir wollten insbesondere wissen, wie weit die Revisionsarbeiten gediehen sind, wurden aber bisher von keinem Land informiert. Dass die neue Gesetzgebung einen sehr unterschiedlichen Verlauf nehmen wird, scheint aber schon jetzt klar: Kasachstan hat den entsprechenden Artikel abgeschafft, Armenien auch. Usbekistan und Tadschikistan haben die Sodomieartikel in die neue Gesetzgebung übernommen. Mit mehreren Briefen wurde auch das russische Justizministerium bedacht, weil in Tschetschenien Schwule mit der Todesstrafe bedroht werden.
Zum Verteilen und Unterschriftensammeln eignet sich diese Aktion nicht so gut, weil eine ganze Menge von Adressen angeschrieben werden, und weil die Materie nicht sehr konkret ist. Sie ist deswegen aber nicht weniger wichtig.

Brasilien, Zimbabwe

Die Aktionen zu Brasilien und Zimbabwe sind ein Teil der Kampagne zum 50-jährigen Bestehen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. 50 Jahre haben offensichtlich nicht gereicht, um fundamentale Rechte allen Menschen zugänglich zu machen. Darunter leiden insbesondere diejenigen, die sich als MenschenrechtsaktivistInnen für ihre Rechte einsetzen. Sie setzen sich einem hohen Risiko aus, und sind deshalb die Protagonisten der diesjährigen Amnesty-Kampagne "Keep moving". Unter den etwa zwei Dutzend Appellfällen finden sich auch die beiden als Petition beiliegenden Briefe für Tsitsi Tiripano (Zimbabwe) und Marcelo Nascimento (Brasilien). Beide haben sich für schwul-lesbische Anliegen eingesetzt und wurden deshalb bedroht. Mittels gezielter Öffentlichkeitsarbeit soll diesen AktivistInnen ein sichereres Leben ermöglicht werden.
Die Kampagne ist insbesondere auch ein Zeichen für die erhöhte Sensibilität innerhalb von AI schwulesbischen Themen gegenüber. Im Rahmen der AI-Delegiertenversammlung sang der Zürcher Schmaz auf der Gemüsebrücke, um die Aktion zu unterstüzen.

Afghanistan

Traurige Berühmtheit haben die Fälle öffentlicher Hinrichtung von Schwulen in Afghnistan erlangt. Die der "Sodomie" angeklagten wurden im Februar/März 1998 in einer surrealen Szene bei lebendigem Leib unter einer einstürzenden Mauer begraben. Wer die Prozedur überlebte, wurde anschliessend begnadigt. Stossend war die Inszenierung als Volksfeste und die lachhafte Begründung mit sogenannt islamischen Vorschriften (die, korrekt angewendet, eine solche Verurteilung praktisch verunmöglichen würden). AI for gays & lesbians hat bei den Botschaften von Saudiarabien, der Vereinigten Arabischen Emirate und von Pakistan (der Länder, die die Taleban-Regierung anerkannt haben) protestiert. Ein Brief ging auch an das afganische Konsulat in Genf und ans EDA.

3. ÖFFENTLICHKEITSARBEIT


31. Mai 1997

Die grosse Demo auf dem Berner Bundesplatz war der eigentliche Aufhänger für die Neulancierung der schwul-lesbischen AI-Gruppe. An der Demo wurden etwa 400 Flyers verteilt, in der Folge meldeten sich etliche neue Leute. Inhaltich konzentrierten wir uns auf die Aktion für Rumänien, gegen den berüchtigten Artikel 200.

Teilnahme am Festival Queersicht

Das schwul-lesbische Filmfestival in Bern war für uns vor allem eine gute Gelegenheit für Mitgliederwerbung. Wir hängten Plakate auf und verteilten Flyers, dies gegen einen Unterstützungsbeitrag für das Festival.

Welt-Aids-Tag 1997

Wir verteilten den TeilnehmerInnen vor der Nydeggkirche Tee und Gutzli.

Artikel für ak, dialogai, cruiser, hab-info

Wir haben Artikel an all diese Publikationen geschickt. Veröffentlicht wurde aber nur ein Artikel im hab-info 4/98. Die Pressearbeit ist sicher noch ausbaufähig und muss in Zukunft weitergepflegt werden. Wir möchten wenigstens erreichen, dass jeweils unsere Adresse unter "Gruppen Schweiz" genannt wird.

Versandaktion mit Pink Cross

Wir verschickten die beiden Petitionen von "Keep moving" (Zimbabwe und Brasilien) mit dem Pink - Mail allen Pink Cross - Mitgliedern (ca. 1800, davon 150 in der Westschweiz). Das AI-Sekretariat in Bern hat einen Teil der Kopierkosten übernommen, da wir nach wie vor eine Gruppe im Aufbau sind und über beschränkte Reserven verfügen.

Kochen im anderLand, 10. Juni 98

Wir kochten am traditionellen Mittwoch unter der umsichtigen Leitung von Christian Jensen etwa 40 Menues. Das wunderbare, fruchtige Erdbeermousse erfreute anschliessend alle Leckermäuler. Daneben sammelten wir natürlich Unterschriften für Tsitsi und Marcelo.

Radio Rabe, Kaleidoskop, 15.6.98

Das kleine, spontane Radio widmete unserer Gruppe ein einstündiges Interview. Zum Teil wurden sehr kritische Fragen gestellt, auf fast alle hatten wir eine schlaue Antwort parat. Leider war die Klangqualität eher zweifelhaft...

Nord-Südmarkt in Bern, 28.6.98

Dies war unsere erste Aktion, die wir mit anderen AI-Regionalgruppen aus der Stadt Bern koordinierten. Auf dem Bundesplatz konnte man die Stände einer ganzen Reihe von Entwicklungshilfeorganisationen finden. Mitten darin stellten wir unseren Amnesty-Stand auf und sammelten fleissig Unterschriften.

CSD Lausanne, 4.7.98, Französischer Flyer

Zusammen mit dem AI-Sekretariat in Lausanne organisierten wir unseren Stand am CSD Lausanne. Nicole Blanchoud, Mitarbeiterin im Sekretariat, hielt vor dem Umzug eine gute Rede und lud die TeilnehmerInnen dazu ein, zu unterschreiben und beizutreten. Wir sammelten ca 250 Unterschriften und verteilten ca 200 von unseren Mitglieder-Flyern, die Laurent Seematter in die Sprache Voltaires übertragen hatte.

4. AI-INTERN


Unterstützung durch das Sekretariat, Breaking the Silence

Als neugegründete Zielgruppe waren wir von allem Anfang an auf tatkräftige Unterstützung durch das Sekretariat in Bern angewiesen. Logistische Unterstützung bei der Neulancierung der Gruppe, Weiterleiten von wichtigen Infos und finanzielle Hilfe beim Pink Cross-Versand sind dazu die wichtigsten Stichworte. Ein wichtiges Hilfsmittel kam dagegen vom Internationalen Sekretariat in London: "Breaking the Silence" ist eine anschauliche Auflistung von Menschenrechtsverletzungen gegen Lesben und Schwule. Das Büchliein kann bei uns für Fr. 10 bezogen werden.

Internationales Gay&Lesbian Meeting in Köln (Juli 1997)

Schwullesbische Zielgruppen innerhalb von AI gibt es nicht nur in der Schweiz, sondern in etwa einem Dutzend anderen Staaten, vor allem im Norden Europas und Amerikas. Der Koordination unter diesen Gruppen war das Kölner Treffen vom Juli 1997 gewidmet. Neue Gruppen wie die schweizerische konnten von der Erfahrung der anderen profitieren.

ICM in Kapstadt (Weltjahreskongress AI), Dezember 1997

Am Jahreskongress von Amnesty International gab es drei Traktanden, die uns direkt betrafen: Erstens sollte das Mandat explizit ergänzt werden und neben den Diskriminierungsverboten aufgrund von Rasse, Religion... auch die sexuelle Orientierung enthalten. Dieser Antrag wurde vor der Abstimmung zurückgezogen, weil ein Scheitern an der 2/3-Limite befürchtet wurde. Das Traktandum ist wegen der Anerkennung von AI-Gruppen in gewissen (arabischen) Ländern heikel, wäre aber der vermehrten Sichtbarkeit der schwul-lesbischen Belange innerhalb von AI zuträglich. Unsere Delegierte, Monika Sommer, wäre dafür gewesen, aber das Geschäft bleibt vorläufig aufgeschoben. Zweitens sollte der Arbeit für Schwule und Lesben eine höhere Priorität (dh. mehr Geld) eingeräumt werden. Dieses Anliegen wurde angenommen, was für unsere Arbeit wohl grössere Bedeutung hat als die Mandatsänderung. Drittens wurden Menschenrechtsverletzungen durch nichtstaatliche Akteure in das Mandat aufgenommen. Dies ist wichtig für uns, da zB. in Lateinamerika viele Verbrechen gegen Lesben und Schwule nicht direkt durch staatliche Instanzen begangen werden.

Finanzen

Unser Postcheck-Konto war über Neujahr beträchtlichen Schwankungen ausgesetzt: Kurz vor Weihnacht wurden eine erhebliche Summe eingezahlt, später stellte sich aber heraus, dass diese Spende nicht für unsere Gruppe, sondern für AI Schweiz gedacht war. Und wieder machte sich auf dem Konto Leere breit... Unsere offizielle Anerkennung als AI-Gruppe mit Stimmrecht steht somit weiterhin in den Sternen.

Teilnahme an der Delegiertenversammlung von AI-Schweiz, Zürich (21.3.98)

Unsere Teilnahme diente vor allem der Bekanntmachung der Gruppe bei den zahlreichen Delegierten.

Teilnahme am Treffen mit dem Hochkommissariat für Menschenrechte über Menschenrechte und sexuelle Orientierung (2.7.98)

An diesem Treffen, das im Rahmen der Aids-Konferenz stattfand, vertrat unsere Gruppe (Hans M. Werren) den Standpunkt von AI. Wir wurden quasi über Nacht vom International Secretariat an das Treffen beordert, was wenigstens der Spontaneität zuträglich war. IGLHRC, Human Rights Watch und eine ganze Reihe von AktivistInnen im Bereich Aids waren auch dabei. Wir diskutierten vor allem Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen unseren NGOs und den UN-Institutionen.

Internet

Es hat sich zu einem unserer bevorzugten Kommunikationsmittel entwickelt, das Netz. Angenehm ist, dass die Infos aus London jeweils direkt im Briefkasten landen. Etliche unserer Mitglieder haben sich zu richtigen Spezialisten gemausert im Analysieren und Weiterleiten von Infos.

Artikel im Amnestie! 7/98

Der dreiseitige Artikel über CSD und unsere Gruppe zeigt, dass AI Schweiz tatsächlich an unserer Arbeit interessiert ist. Etliche Aktive kritisierten zwar die marktschreierischen Photos, aber die Artikel waren ganz gut. In der französischen Version wird nächstens etwas Ähnliches erscheinen.

5. WAS BRINGT DAS NÄCHSTE JAHR?


Einbindung von Mitgliedern

Hier soll von ein paar Projekten die Rede sein. An der Mitgliederversammlung können wir uns noch weitergehende Gedanken dazu machen. Wir müssen in Zukunft unsere Mitglieder besser über unsere Aktivitäten informieren. Ein Rundbrief wäre dazu das geeignete Mittel. Im weiteren müssten wir besonders Frauen zur aktiven Mitarbeit ermuntern.

Neue Regionalgruppen

Die bisherige Mitgliederstruktur legt es nahe, möglichst bald eine Regionalgruppe in Zürich zu eröffnen. Dies würde es ermöglichen, dass die Gruppen sich thematisch spezialisieren. Gesucht sind ein paar motivierte Mitglieder aus Stadt und Region Zürich. Auch in der Westschweiz möchten wir eine Gruppe eröffnen, je nach Reaktion auf unsere CSD-Teilnahme.

Finanzierung

Dies ist eines unserer Hauptprobleme. Langfristig kann unsere Gruppe nur bestehen, wenn sie finanziell gesund ist. Wir sehen momentan vor allem die folgenden Mittel: Weitere Mitglieder anwerben, gezielte Mailings, Organisation von Anlässen. Wer gute Ideen hat, teile uns diese mit!

Internationale Zusammenarbeit

Das tönt immer gut, ist aber für unsere Gruppe tatsächlich wichtig: Vom Infofluss zum IS (Internationalen Sekretariat) in London hängt alles ab. Zudem können wir von den grossen, erfahrenen Gruppen noch viel lernen. Im Herbst treffen sich die Vertreter der schwulesbischen Gruppen in London. Dabei wird es vorwiegend um Koordination, Weiterentwicklung, Networking uä gehen.

Regionale Schwerpunkte unserer Aktionen 1997 / 1998
(1997 bis Oktober 1998)

Weltkarte AIGL 1997-1998

Brasilien Rumänien Usbekistan
Zimbabwe Afghanistan Kirgisien
Aserbaischan Turkmenistan
Armenien Tschetschenien