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Serbien: Belgrad Pride 2009 wegen Gewaltdrohungen abgesagt Drucken E-Mail
Sonntag, 20. September 2009
Serbien: Belgrad Pride 2009 wegen Gewaltdrohungen kurzfristig abgesagt

Unterschreibt: Amnesty fordert Garantien für sicherere Durchführung der Belgrad Pride 2010

Gewaltszene von der Belgrad Pride 2001. Acht Jahre später, am 20. September 2009, musste die Pride ganz kurzfristig abgesagt werden. 'Die Republik Serbien hat kapituliert - nicht wir,' sagt Majda Puaca vom Komitee. Bild (© AP): Gewaltszene von der Belgrad Pride 2001. Acht Jahre später, am 20. September 2009, musste die Pride ganz kurzfristig abgesagt werden. 'Die Republik Serbien hat kapituliert - nicht wir,' sagt Majda Puaca vom Komitee.

Bereits vor einer Woche drückte Amnesty International tiefe Besorgnis über die Sicherheitslage für Homosexuelle in Serbien aus und kritisierte, dass Straftaten mit homophobem Hintergrund von den serbischen Behörden nur halbherzig verfolgt würden. Auch den Schutz der Meinungsfreiheit müsse die Regierung gebührend sicherstellen und eine friedliche Demonstration gewährleisten.
14.09.2009, Amnesty-Report zu Serbien: MenschenrechtsverteidigerInnen in Gefahr - Report EUR 70/014/2009 als PDF (220 kB, Englisch).

Hier die wichtigsten Informationen aus den Medien.

18.09.2009, NZZ, S.2: Belgrade Pride: Stolz und Vorurteil (PDF, 60kB)
21.09.2009, NZZ, S.4: Belgrade Pride wegen Gewaltandrohungen abgesagt (PDF, 50kB)
10.10.2009, NZZ, S.55: Homosexuelle auf dem Balkan haben es schwer (PDF, 45 kB)

18.09.2009, BBC NEWS: Gay march plan tests Serb feelings. By Mark Lowen (PDF, Englisch)
19.09.2009, BBC NEWS: Serbian gay parade is called off (PDF, Englisch)

19.09.2009, indymedia: beograd pride einen tag vorher abgesagt (Deutsch und Englisch)

3.10.2009, Tagesanzeiger: Wer nicht Serbisch spricht, riskiert Prügel

Amnesty Österreich: Standing up for our rights - Lesbischer Aktivismus in Serbien im Kampf gegen Homophobie (Über das Gasterferat von Jelena Djordjevic, serbische Aktivistin, Wien, Dez. 2005)

Veranstalter: Belgrade Gay Pride March banned (Englisch, Serbisch)

Ein Jahr danach verlangt Guardian (11.9.2010) von der EU, ihre Verantwortung wahrzunehmen:
EU has a role to play in tackling Serbian homophobi (PDF, 100 kB, Englisch, Quelle)

Mehr Infos, Bericht unserer Delegierten:




Ganz persönliche Eindrücke unserer Delegierten vom Tag des Nicht-Ereignisses
(M.) Ich ging um 10 Uhr zum Hauptplatz und schaute mich dann von dort in der Fussgaengerzone um. Es war sehr viel Polizei zu sehen. An jeder Ecke standen in Gruppen Polizisten zusammen. Bald fielen auch die vielen (meist) jungen Maenner auf, die in Gruppen die Fussgaengerzone auf und ab gingen. Sie sahen - wenn man das so pauschal sagen darf - nach Hooligans und Rechtsextremismus auf. Sie verhielten sich einigermassen unaufaellig, verbreiteten aber eine ziemlich unangenehme Atmosphäre. Die Polizei verfolgte sie zum Teil auf Schritt und Tritt. Ich habe aber keine Auseinandersetzungen beobachtet. Die Gegner der Parade hatten ja für den Sonntagmorgen früh eine Gegendemonstration angekündigt, aber ich glaube diese hat auch nicht stattgefunden.

Gegen Nachmittag verschwanden die "Gegner" aber zunehmend aus dem Zentrum und man bemerkte nichts mehr von einer angespannten Stimmung.

Von potentiellen Pride-TeilnehmerInnen war leider den ganzen Tag ueberhaupt nichts zu sehen. Auch bei intensivster Anwendung meines Gaydars ( wobei ich nie sicher bin ob ich ueberhaupt einen hab.....), war niemand zu entdecken.

Am Montag waren immer noch Polizisten präsent. Fragte dann mal ein paar Leute. Die einen erklärten mir, dies sei wahrscheinlich wegen den Nachwirkungen eines wichtigen Basketball-Spieles. Andere meinten, die Polizei sei noch immer wegen der Pride hier.

Chömmer nur hoffe, dass es nächschtmal klappet!


18.09.2009, NZZ, S.2: Aufgefallen: Stolz und Vorurteil
tf. (Wien) Serbien steht laut Innenminister Ivica Dacic vor dem «riskantesten Ereignis seit langer Zeit».Gemeintist die erste Lesbenund Schwulenparade seit acht Jahren, die «Belgrade Pride», die am Sonntag in der Hauptstadt stattfinden wird. Eine erste Durchführung des Anlasses endete 2001 mit wüsten Szenen: Hooligans attackierten die Teilnehmer, derweil die Polizei dem Treiben eher unbeteiligt zuschaute. Drohungen rechtsnationalistischer und religiöser Gruppen haben seither eine Wiederholung des Anlasses als zu riskant erscheinen lassen.

Der Balkan gilt seit je als hartes Pflaster für Homosexuelle. Serbien bildet da keine Ausnahme: Ein traditionelles Wertesystem, eine einflussreicheKirche und ein nicht zu knappes Mass an Macho-Gehabe liefern den Nährboden für homophobe Vorurteile. Erst 1994 wurde Homosexualität legalisiert, und laut Umfragen betrachten noch immer zweiDrittel aller Serben die gleichgeschlechtliche Liebe als eineKrankheit.Wie zudemAmnesty International kritisiert, werden Strafuntersuchungen nachAnschlägen auf Schwule und Lesben kaum je erfolgreich abgeschlossen – selbst wenn dieAttentäter bekannt sind.

Serbische Politiker gewinnen mit der Fürsprache für Homosexuelle kaum Wählerstimmen. Dennoch hat die Regierung eingesehen, dass das Ziel des EU-Beitritts einen stärkeren Schutz von Minderheiten verlangt. Entsprechend wurde im März ein Antidiskriminierungsgesetz verabschiedet, das auch eine Diskriminierung wegen der sexuellen Orientierung verbietet. Wie ernst es derRegierung mit diesem Erlass ist, wird nicht zuletzt das Verhalten der Polizei an der Parade zeigen.Nachsicht gegenüber Angreifern auf Homosexuelle wirdman sich nicht erneut leisten können.


21.09.2009, NZZ, S.4: Die «Belgrade Pride» wegen Gewaltandrohungen abgesagt
Kritik von Menschenrechtsgruppen
tf. Wien, 20. September

Nach einem monatelangen politischen Gezänk um die Durchführung einer für vergangenen Sonntag geplanten Parade von Homosexuellen durch Belgrads Innenstadt ist die kontroverse Veranstaltung am Samstag wegen Sicherheitsbedenken kurzfristig abgesagt worden. Wie der Regierungschef Mirko Cvetkovic zuvor den Organisatoren der «Belgrade Pride» erklärt hatte, hätte der Staat nicht für die Sicherheit der Veranstaltungsteilnehmer garantieren können. Die von der Polizei vorgeschlagene Verschiebung der Parade an einen peripheren Ort ausserhalb des Belgrader Stadtzentrums war von den Organisatoren abgelehnt worden.

«Parade der Schande»

Im Vorfeld der Veranstaltung hatten verschiedene rechtsnationalistische Gruppierungen gewalttätige Attacken gegen Homosexuelle angekündigt. Auch hochrangige Vertreter der serbischen orthodoxen Kirche machten aus ihrer Ablehnung gegenüber dem Umzug kein Geheimnis und verurteilten die geplante Veranstaltung als eine «Parade der Schande» und eine «Parade von Sodom und Gomorrha». Die extremistische Bürgerbewegung 1389 – der Name orientiert sich am Jahr der glorifizierten Niederlage serbischer Heeresführer gegenüber den Osmanen – bewertete die Absage des Marsches als einen «grossen Sieg für das normale Serbien» und als Niederlage für «Ungläubige und Satanisten».

Politisch galt die Parade als wichtiger Testlauf, wie Ernst es der proeuropäisch sich gebenden Regierung mit der Umsetzung eines im März verabschiedeten Antidiskriminierungsgesetzes ist. Lokale Menschenrechtsorganisationen kritisierten am Wochenende, dass die Regierung vor den Gewaltandrohungen nationalistischer und religiöserGruppen kapituliert und so denMinderheitenschutz im Land untergraben habe. Letztmals war in Serbien, wo Homosexuelle auf geringe gesellschaftliche Akzeptanz zählen können, im Jahr 2001 eine ähnliche Parade durchgeführt worden; die Veranstaltung endete damals mit schweren Angriffen von Hooligans auf Teilnehmer des Marsches und mit Dutzenden von Verletzten.