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Donnerstag, 27. Oktober 2005 |
junge Welt, 27. Oktober 2005
Ein Gespräch mit der Menschenrechtsanwältin Eren Keskin
"Transsexuelle gelten in der Türkei als Außerirdische"
Toleranz ist die absolute Ausnahme, Diskriminierung die Regel. Ein Gespräch mit der Menschenrechtsanwältin Eren Keskin
von Sirko Salka
F: Warum arbeiten so viele Transsexuelle in der Türkei als Prostituierte?
Ich kann mir kaum vorstellen, daß sich Transsexuelle für einen normalen Job bewerben. Ihr Bild in der Gesellschaft gleicht dem von Außerirdischen. Sie sind stigmatisiert. Die Transsexuellen Istanbuls oder Ankaras leben abseits der Gesellschaft und verkümmern in der Prostitution – einem Teufelskreis aus Drogen, Gewalt und Ausgrenzung. Wenn sie von der Polizei verfolgt werden, stehen viele Türken am Straßenrand und klatschen Beifall.
F: Gleichwohl sind in der Türkei Geschlechtsumwandlungen legal und mit der gewünschten Namensänderung in allen amtlichen Dokumenten verbunden.
Es gibt zwar seit 1988 im türkischen Zivilgesetzbuch einen expliziten Paragraphen über Transsexualität, doch der ist sehr kurz gefaßt und damit sehr interpretierbar. Vor Gericht müssen Transsexuelle stets ein medizinisches und psychologisches Gutachten vorlegen. Im Alltagsleben werden sie diskriminiert und kriminalisiert. Ich erhalte tagtäglich Beschwerden über brutale Übergriffe und willkürliche Festnahmen durch die Polizei.
F: Wie reagieren türkische Familien auf ein Coming Out ihres Kindes als Transsexuelle?
In 90 bis 95 Prozent der mir bekannten Fälle wurden Transsexuelle von ihren Familien ausgestoßen. Die meisten Familien sehen in der Homosexualität und Transsexualität – zwei Begriffe, die gesellschaftlich überhaupt nicht differenziert werden – eine "böse Krankheit". Man diskutiert über "Heilungskonzepte", hofft, das Kind werde eines Tages noch "normal". Aber irgendwann stirbt auch die letzte Hoffnung. Und dann naht der Moment des Abschiedes. Mir sind keine Familien bekannt, die ihr Kind nach dem Bruch weiterhin unterstützten.
F: Und wie ergeht es der populären transsexuellen Sängerin Bülent Ersoy?
Bülent bildet die absolute Ausnahme und wird toleriert, weil sie eine wundervolle Stimme und einzigartige Ausstrahlung hat. Trotz allen Erfolges erfährt auch sie im Alltag Diskriminierungen, denn die Frage ihrer Identität wurde weder politisch noch gesellschaftlich aufgearbeitet.
F: Sie selbst wurden mehrfach verhaftet und erhalten regelmäßig Schmähbriefe und Morddrohungen. Begreifen Sie sich als erfolgreich?
Ich habe einigen schwer mißhandelten Frauen helfen können. In Zusammenarbeit mit den Außenministerien der BRD und der Schweiz gelang es, für diese Frauen Asylrecht zu erwirken. Außerdem werbe ich für eine feministische Politik in der Türkei, die Konzepte gegen die männerdominierte und militante Gesellschaft unterbreitet. Insofern treffen sich hier gemeinsame Interessen von Frauen sowie ethnischen und sexuellen Minderheiten. Und das stimmt mich optimistisch.
Quelle: junge Welt Berlin - die Tageszeitung
Artikel: >> Junge Welt, 27.Okt.2005: Gespräch mit Eren Keskin (440 kB, JPG)
Mehr: Zwischen Rosa und Himmelblau - Berliner Tagung zu Transidentitäten in der Türkei
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