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Donnerstag, 27. Oktober 2005 |
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junge Welt, 27. Oktober 2005:
Nur der Patriarch ist frei
Beschimpft, verhaftet, gefoltert: In der Türkei müssen Transsexuelle meist als Prostituierte arbeiten. Ihre Situation wurde in Berlin diskutiert
von Sirko Salka
Früher bekamen Babies hierzulande einen rosa oder einen blauen Strampelanzug. Rosa für Mädchen und blau für Jungen. Das war sehr übersichtlich. Heute kann davon keine Rede mehr sein. In der Türkei geht es noch amtlicher zu. Dort bekommen Frauen einen rosafarbenen und Männer einen blauen Personalausweis. Das erzählte Koray Günay vom Berliner Gladt e.V. (Gays and Lesbians aus der Türkei) bei der Podiumsdiskussion "Zwischen rosa und himmelblau", zu der außerdem das FrauenRechtsBüro Berlin e.V. und Amnesty International am Montag in die Berliner Volksbühne geladen hatten. Die Ehrengäste des Abends waren jene feinen Farbnuancen, für die in binären, heterosexuellen Gesellschaften kein Freiraum vorgesehen ist: sexuelle Minderheiten und Menschen mit Zwitteridentitäten, zum Beispiel Transvestiten und Transsexuelle. Thema der Veranstaltung im überfüllten Grünen Salon war die in den letzten Jahren signifikant gestiegene brutale Gewalt türkischer Polizisten gegen Transsexuelle und die medial angeheizte Kriminalisierung dieser besonderen Randgruppe. Sie werden unter dem Vorwurf "exhibitionistischen Verhaltens" verhaftet und müssen wegen "Verstoßes gegen sittliches Benehmen" hohe Geldstrafen zahlen.
Wie Aussätzige
"Wir Transsexuellen werden von der türkischen Gesellschaft wie Aussätzige be- und auch mißhandelt, weil wir in keines der zwei Rollenklischees passen. Wir werden beschimpft, willkürlich verhaftet und auch gefoltert" sagte Ebru, eine Feministin, die früher mal ein Mann war. Individuelle Freiheit ist reine Definitionssache, und die obliegt den Männern. Deshalb kann auch niemand so frei sein wie der Patriarch. Männer, die sich feminin verhalten, verkleiden, schminken oder homosexuell sind, sind halt "Schwuchteln" oder "Arschgefickte". Für die gibt es keinen Platz im Patriarchat, dem Primatenstammtisch waschechter Kerle. Was diesen türkischen "Nicht-Männern" letztlich bleibt, ist der gesellschaftliche Abstieg in die Frauenliga. Man zwingt ihnen den rosafarbenen Strampelanzug auf. Denn geschlechtliche Mischfarben gibt’s ja offiziell keine. Statt dessen werden Schwule beim türkischen Militär ausgemustert, sobald sie eine anale Penetration nachweisen – eine absurde Veranstaltung.
Koray Günay meint, die gesellschaftliche Zweitklassigkeit von Frauen, Kranken und diskriminierten Minderheiten in der Türkei biete theoretisch großes Potential für eine gemeinsame solidarische Politik. Anders als etwa in der BRD gebe es in der Türkei keine eigenständigen Lesben- , Schwulen- oder gar Transsexuellenlobbys. Nicht einmal linksorientierte Parteien erachten es für notwendig, die Interessen von Frauen und Randgruppen unmißverständlich zu thematisieren.
Kein Job, keine Ausbildung
Wie die Transsexuellen Istanbuls kriminalisiert werden, berichtet Hülya, eine traumatisierte Frau, die kürzlich Asyl in der Schweiz erhalten hat. Während des Gesprächs hält sie mehrmals inne. Wie die meisten Transsexuellen arbeitete sie in der Türkei als Prostituierte. Transsexuelle leben in einer Parallelwelt, gesellschaftlich total ausgegrenzt. Niemand würde ihnen einen normalen Job anbieten, noch nicht einmal eine Ausbildung. Wer überleben will, wird Prostituierte. Während ihrer Sexarbeit ist Hülya in den letzten Jahren mehrfach verschleppt und vergewaltigt worden. Polizisten brachen ihre Arme und schlugen sie in der Gefängniszelle beinahe tot. Ohne die Hilfe ihrer Anwältin Eren Keskin hätte sie wohl nicht überlebt. In Zürich will Hülya nun in einer NGO sozusagen als türkische Botschafterin für mißhandelte Frauen tätig werden.
Quelle: junge Welt Berlin - die Tageszeitung
Artikel: >> Junge Welt, 27.Okt.2005: "Nur der Patriach ist frei" (1 MB, JPG)
Mehr: Zwischen Rosa und Himmelblau - Berliner Tagung zu Transidentitäten in der Türkei
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